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ZWISCHENRÄUME

Wie ungewöhnlich, in Greenpoint, Brooklyn, spazieren zu gehen, einem Bezirk in NYC, der voll ist mit neuen Brunch-Cafés und Taco-Ständen, voller Baseballplätze, hipper Industriegelände, und plötzlich vor einem polnischen Deli-Laden zu stehen. Natürlich. Wo, wenn nicht hier, ist das überhaupt nichts Ungewöhnliches. Und doch fällt es auf, mehrere tausend Kilometer von der Tymbark-Fabrik entfernt zu sein und plötzlich genau hier alle Sorten Fruchtsaft kaufen zu können. Tausend Kilometer und mehrere Jahrzehnte entfernt zu sein, von wo Bolek und Lolek das erste Mal im Fernsehen gestartet sind, und die beiden hier oben in der Ecke wie selbstverständlich über den Bildschirm laufen. Und dabei Polnisch sprechen. Wenn sie sprechen. Denn sie sprechen in der Regel nicht viel. Und doch reichen diese wenigen Worte und der dünne Tee mit viel Zucker und Zitrone aus, dass ich mich „zu Hause“ fühle. Das irritiert mich. Denn ich dachte immer, „zu Hause“ sei das Gefühl, immer zu wissen, wo der nächste Späti ist, egal in welcher Straße ich mich gerade befinde. Was ist dazwischen?

Weniger weit entfernt von der Tymbark-Fabrik ist der Deli-Laden in Ealing Broadway, einem Bezirk von London, und doch fällt er auf zwischen den Reihenhäusern aus Backstein, die sich nur durch ihre Schornsteine unterscheiden. Zwischen den sainsburys und marks&spencers, den wagamamas und costa coffees. Er fällt auf. Und natürlich fällt auch die katholische Kirche auf in diesem ansonsten anglikanisch dominierten Gebiet. Und es fällt auf, wie voll diese Kirche am Sonntag ist. Hier haben Menschen also etwas mitgebracht, was sie von „zu Hause“ kennen. Von zu Hause. Was heißt das überhaupt? Mindestens die Kinder würden doch sagen, dass sie genau hier „zu Hause“ sind. Und wer weiß schon, was die Eltern dazu gebracht hat, von „zu Hause“ wegzugehen? Dass sie hier Tymbark-Saft trinken und zu Maria beten, heißt doch nicht, dass sie keine Einwohner von London sind oder das weniger sein dürfen? So, als würde Google-Maps genau an dieser Stelle eine Lücke im Stadtplan anzeigen, oder die Straßen rot-weiß markieren. Und selbst die Farben wären uneindeutig, denn sie könnten genauso gut auf das Trikot von FC Bayern München verweisen, in dem gerade Robert Lewandowski als Stürmer spielt. Und warum fällt mir das eigentlich überhaupt alles auf? Ist mein Kopf einfach nur vollgestopft mit Stereotypen? Und was ist dazwischen?

Natürlich befinden sich solche rot-weißen Räume nicht nur in Polen und nicht nur in Metropolen. Genauso wenig müssen sich alle polnischen Staatsbürger und nur diese in Polen aufhalten. Und natürlich müssen nicht alle Räume in Polen rot-weiß gestrichen sein. Und natürlich sind nicht alle Polen, die innerhalb oder außerhalb von Polen leben, Fans von Wurst und Vatikan. Eigentlich scheint das klar, aber es scheint nicht klar zu sein. Dass niemand in die monströsen Kistchen nationaler Identitäten reinpasst. Niemand. Und trotzdem versuchen so viele, sich in diese Kistchen reinzuquetschen, und auch andere entweder in dasselbe Kistchen oder in ein anderes Kistchen reinzuquetschen. Um dann stolz den Deckel zuzuschrauben. Was ist stattdessen mit den Räumen dazwischen? Die fast unendlich weit sind. Deren Dimensionen sich oft einem gemeinsamen Nenner entziehen. Die genug Platz haben für all die vielen Möglichkeiten, „a“ auszusprechen. Oder dafür, sich den Bauchnabel zu schminken, um dann zu sagen: „Ich bin ein Nachtschattengewächs“. Oder für eine Sprache, die den Dingen, die nicht sichtbar, nicht fühlbar, nicht beschreibbar sind, Bedeutung zu geben. Meine Hoffnung liegt in diesen Zwischenräumen und meine Überzeugung ist, dass Lyrik – in welcher Sprache auch immer – die Mittel hat, die Konzepte all der engen, viel zu kleinen Kistchen zu sprengen und den Echo-Sound der Zwischenräume erfahrbar zu machen.

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Published on: 14. Februar 2018
Erstellt von Verlagshaus
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