Anja Nolte

Anja Nolte begleitet uns schon sehr lange als Illustratorin im Verlagshaus Berlin. Sie illustrierte für unsere »Belletristik. Zeitschrift für Literatur und Illustration« und hat hier in der dreizehnten und letzten Ausgabe der Zeitschrift eine Anzeige für Kitchy-Koo entworfen. Spätestens da verliebten wir uns in ihre Zeichnungen und wollten unbedingt ein Buch mit ihr zusammen machen.

2014 war es dann soweit! In unserer, von der Stiftung Buchkunst 2015 ausgezeichneten Reihe »Edition ReVers« für verschollene und vergessene Manuskripte brachte sie zeichnerisch die Gedichte von Konstantínos Kaváfis zurück in die Gegenwart. Mit absoluter künstlerischer Freiheit schuf sie in dem Band »Im Verborgenen« kunstvolle Bildstrecken, die die Texte des griechischen Autors zu neuem Leben erweckten.

Anja Nolte ist freischaffende Künstlerin und Illustratorin. Ob als Illustratorin für »DIE ZEIT«, »PRESTEL« oder für das Schweizer Kulturmagazin »Du« mit der Graphic Novel Adaption von Dürrenmatts »Besuch der Alten Dame«. Ob mit einer Animation des Kinotrailers über den Goldenen Schnitt für das Museum für Kommunikation Berlin oder mit einer künstlerischen Rauminstallation für das Skoovgaard Museum in Dänemark.

Sie sucht und geht leidenschaftlich immer wieder neue, kreative Wege. Ihre Arbeiten finden sich regelmäßig in BEST-OFF Compilations. Ihr 2017 erschienenes Buch »Urban Sketching München« wurde gerade für den World Illustration Award 2018 nominiert. Anjas zweite Leidenschaft ist Musik: Sie singt, spielt Jazzgitarre und erstellt Soundcollagen, die oft Eingang in ihre Arbeit finden. Vorhang auf für Anja Nolte!

Illustrationen: @ Anja Nolte

»Im Verborgenen« (Konstantínos Kaváfis, Verlagshaus Berlin 2014) / Illustrationen von Anja Nolte zu Gedichten von Konstantins Kaváfis

→ Wie entsteht eine Illustration?
Man nehme: Eine Schachfigur (Bauer), Verzierwachs (gold, grün & rot), Bindfaden, Tippex. Wachs zu Dynamitstangen formen, Zündschnur anbringen. Sprengstoffgürtel – vorsichtig – anlegen. Rote Nase knubbeln, Stirnband kneten. Augen tipp-exen. Foto! Digitale Weiterbearbeitung, darauf zeichnen, Stempelfilter und fertig: Illustration Selbstmordattentäter. Oder anders: Leinwandstreifen, 150 cm, Acrylfarbe (weiss), Paintmarker, Fineliner. Vorab recherchiertes Bildmaterial als Einzelbilder auf dem iPad. Loszeichnen, locker, frei machen = 5 Doppelseiten Buchillustration.

Illustrationen: @ Anja Nolte

»Schachfigur« (Detail) / Illustration von Anja Nolte aus »Im Verborgenen« (Konstantínos Kaváfis, Verlagshaus Berlin 2014)

Kurzum, die Wege zur Entstehung meiner Illustrationen sind mannigfaltig. Je nachdem was und wofür illustriert werden soll, steht am Anfang die oft umfangreiche Recherche. Den zu illustrierenden Text – wenn vorhanden – drucke ich aus, hebe mit einem Textmarker Passagen hervor, die zur Visualisierung geeignet scheinen. Die nachfolgende Entwicklung kann überall stattfinden: Am Zeichentisch auf einem – gerne möglichst grossen – Blatt gescribbelt. Am Rechner als Entwurfsfotocollage oder sogar im Skizzenbuch beim Zahnarzt – nächster sein. Anschließende Reinzeichnung der Skizzen frei aufs Blatt (Fotos durchkopieren = NOGO!) oder am Cintiq. Gerne mixe ich manuell Gezeichnetes und Digitales. Letzteres möglichst aus meinem eigenen Fundus, eine Kamera habe ich immer dabei. Bei alledem oberstes Gebot: SUPER-EGO-CONVERTER einschalten, um die Ecke denken, von Klischees frei machen. Könnte man das nicht noch anders ausdrücken? Ein weites Feld. Rechtzeitig ankommen wichtig.

Illustrationen: @ Anja Nolte

»Psyche« (Detail) / Illustration von Anja Nolte aus »Im Verborgenen« (Konstantínos Kaváfis, Verlagshaus Berlin 2014)

→ Mit welchem Material arbeitest Du am liebsten und wie würdest Du Deinen Stil beschreiben?
Mein absoluter Favorit: Bleistift, tiefschwarz-butterweich. Ergänzt um eine sich stetig ändern Palette von Zeichenmitteln. Paint-marker, Buntstifte, Zeichenkohle, Aquarell, Pigmente, Tape … All das auf unterschiedlichsten Zeichen- und Malgründen. Von Arches Aquarellpapier bis Einkaufstüte. Dazu die vielfältigen digitalen Ausdrucksmöglichkeiten. Gerne immer wieder neu und anders. Eigene Regeln brechen. Mein Stil dementsprechend facettenreich und kaum in Worte zu fassen. »Frisch, frech, gerne auch frivol!« finde ich treffend. Oder auch: humorvoll, bissig, nachdenklich, emphatisch. Affinität zu einer Fülle an Details. Lust an Körperlichem und Maschinerien. Stetig wiederkehrende Verpuppung, Metamorphose und Neuentfaltung.

Illustrationen: @ Anja Nolte

»BAU« – Gaybar in München / Zeichnung auf Einkaufstüte / Aus Anja Nolte: »Urban Sketching München«, nominiert für den World Illustration Award 2018 (AOI)

→ Wie näherst Du Dich der Illustration von Gedichten?
Selbstvorlesung. Laut, leise, in unterschiedlichen Betonungen. Die Schwingungen der Sprache erfassen, dem Inhalt nachlauschen, reinhören und fühlen. Rhythmus. Wie fühlt sich das für mich an? Was sind erste Assoziationen? Zweite Annäherungsphase: Das Gedicht niederschreiben. Worte, die mich anspringen, emotional berühren oder faszinieren in großen Lettern. Das Schreiben ist für mich Informationsvertiefung, Annäherung und wichtiger Teil des Tranformationsprozesses zur Visualisierung. Das entstandene »beletterte« Blatt ist dann Grundlage zur weiteren Entwicklung und Ideenfindung. Nächste Schritte siehe oben.

→ Was macht Buchillustration für Dich besonders?
Die Komplexität und Vielschichtigkeit. Jede Illustration – in Korrespondenz mit dem Text – sollte für sich stehen können, dabei das große Ganze stimmig. So Vieles will bedacht sein, greift ineinander. Ähnlich der Komposition eines Musikstückes. Mal laut, mal leise, mal anregend oder entspannend. Überraschend, irritierend, etwas im Kopf anstoßend, Emotionen weckend. Die Leser_innen auf ihrer Reise durch den Text über eine lange Strecke unterhaltsam begleitend. Raum lassen für eigenes Denken und Phantasien – eine wunderbare Herausforderung.

→ Gibt es gesellschaftliche Themen, die Dich in Deiner künstlerischen Arbeit besonders interessieren?
Robotik und künstliche Intelligenz sind Themenbereiche, die mich gerade besonders faszinieren. Was hat das für Auswirkungen auf uns, die nachkommenden Generationen? Braucht ein Mensch personenbezogene Erinnerungen, wie zum Beispiel die Kindheitserinnerung an ein Gute-Nacht-Geschichten-vorlesendes-Elternteil? Oder tuts auch ein memorables Abbild von Heimroboter-Zenbos-Monitor-Gesicht auf dem animierte Pixel »Der Wolf und die sieben Geißlein« abbilden? Dazu ergänzend: Ressource Aufmerksamkeit, mediale Überflutung, Informationsüberfülle, Abstumpfung. Was macht das alles mit mir, dir, uns – den Anderen?

Illustrationen: @ Anja Nolte

»#artificial me« / Zeichnerisches Moodboard AI und Robotik von Anja Nolte.

→ Was oder für wen würdest Du nie illustrieren?
Niemals für Donald Trump, Diktatoren und fanatische Dogmatiker – selbst für eine Millionen Euro nicht.

→ Mit welchen Künstler_innen würdest Du gern ein Projekt realisieren?
Mit Jeff Coons. Er wäre genau der richtige, um meine Trumpumppenispump – das Projekt hängt – in eine überdimensionale Skulptur umzusetzen. Mein Traum.

Illustrationen: @ Anja Nolte

»#trumpump« / Entwurfsarbeiten von Anja Nolte

→ Wieviel ist für Fame, wieviel für Fortune?
Oberste Priorität immer Fortune im Sinne von glücklich sein. Vorraussetzung bei der Umsetzung eines Projektes: Gute Laune und es sollte Spaß machen. Alle Auftragsanfragen, die dem nicht entsprechen – ich empfehle Ihnen gerne eine_n meiner Kolleg_innen. Fame im Sinne von »meine Arbeit wird von anderen gesehen«, weil ich einen gewissen Bekanntheitsgrad habe oder Menschen da sind, die Interesse an meiner Arbeit haben – unentbehrlich. Es ist freudlos zu gestalten, wenn es keiner sieht. Den Verdienst aus gut bezahlten kurzfristigeren Jobs, nutze ich zur Quersubventionierung von zeitgreifenderen Projekten, die mir mehr Möglichkeiten zur künstlerischen Entfaltung erlauben. Und das bringt dann wiederum Fame. Wunderbar!

→ How much is the Fish?
Ozeanquerung 1 Tonne Krill, kleine Fische, 3 Mücken, aber nur wenn Butter oben drauf. Fürs tägliche Brot sollte es schon reichen.

Illustrationen: @ Anja Nolte

»#itsamatch« (Detail) / Work in progess, Painting (3,2 x 2 Meter) von Anja Nolte

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