Ampersand Interart

In ihrem Kunstprojekt AMPERSAND Interart inszeniert Andrea Schmidt Konzepte zu gegenwartsrelevanten Themen mit unterschiedlichen Medien wie Text, Bild und Ton. Andrea lernte ich aber ganz anders kennen. Ich traf sie vor gut zehn Jahren als eine der Verleger_innen des Verlagshaus Berlin. Nicht zufällig legt sie dort größten Wert auf die Gestaltung der Bücher. In unseren Gesprächen offenbarte sie mir immer wieder eine neue Seite ihrer Arbeitswelt, ohne viele Worte darüber zu verschütten. Irgendwann erzählte sie mir von ihrer Arbeit als Typografin und Lehrende, von ihrer Freude am Unterrichten und ihrer Faszination für Buchstaben und Zahlen. Irgendwann viel später stellte ich fest, dass es auch um Illustrationen geht, diese sind ihr in den Verlagshaus-Publikationen nicht nur sehr wichtig, sondern sie zeichnet und inszeniert auch selbst. So zuletzt in »Runen« Prosaminiaturen von Alexander Graeff (SIC-Literaturverlag Aachen, 2015) oder als Cover zu meinem »Stempelkissenbuch« (Sukultur Verlag Berlin, 2017).

RUNEN / Visual Art: © Ampersand InterartRUNEN / Visual Art: © Ampersand Interart

RUNEN / Visual Art: © Ampersand InterartRUNEN / Visual Art: © Ampersand Interart

»RUNEN« (SIC-Literaturverlag Aachen, 2015) / Visuelle Performance zu Lesungen von Alexander Graeff

Unter dem Namen AMPERSAND Interart fängt sie die Texte nicht nur ein, sondern geht durch ihre zeichnerische Analyse über sie hinaus. Das hat mich begeistert. Die Struktur der Texte, ihre formalen wie auch semantischen Ebenen finden Eingang in ihre Zeichnungen. Sie gräbt aus, nimmt auseinander, legt frei und zeigt die Überlagerungen, die Schnittpunkte. Einflüsse anderer Künstler_innen, die sich mit Geschichte und Schichten auseinandersetzen, lassen sich in der rauen eindringlichen Struktur ihrer Bilder erkennen. Andreas Zeichnungen wirken in ihrer Abstraktheit gleichzeitig sehr organisch und filigran. Kürzlich erzählte sie mir, dass sie sich dabei formal häufig von verschiedenen Notationssystemen inspirieren lässt. Wieder eine andere Seite in ihrem persönlichen Buch. Ich bin gespannt auf immer neue Seiten und freue mich sehr auf die gemeinsame Arbeit an meinem neuen Band, der 2019 im Verlagshaus Berlin erscheint und zu dem Andrea die zeichnerische Perspektive einfängt. Vorhang auf für AMPERSAND Interart! –– Anna Hetzer

→ Wie entsteht eine Illustration?
Zeichnen ist für mich immer eine Reise. Wie beim Reisen entstehen auch beim Zeichnen die wichtigen Fragen für mich. Wie verhandle ich Themen in einer Zeichnung? Wie verorte ich mich selbst in Geschichte, Erfahrungen, Glauben oder Lebensformen? Wie viele Kontexte und Schnittmengen sind wichtig?

Beim Zeichnen bin ich eine Flaneurin entlang der Ränder des jeweiligen Themas, auf einer Spurensuche und in einer andauernden Auseinandersetzung mit Schichten und Geschichte. So wie ich beim Reisen in eine neue Stadt eintauche, tauche ich beim Zeichnen in das jeweilige Thema ein. Hongkong, zum Beispiel, ist laut und pulsierend. Ich bin hoch konzentriert und doch lasse ich mich treiben und werde verschluckt. Und plötzlich stehe ich in einer kleinen Bar oben in Soho, so winzig wie ein Wohnzimmer und staune über die Chines_innen, die argentinischen Tango tanzen. Und denke, so etwas Schönes habe ich noch nie gesehen! So müssen Zeichnungen für mich sein – überraschend, auch intuitiv aber nie beliebig. Ich will Lust haben, mich auf eine Reise einzulassen, Strukturen zu erfahren und neu zusammen zu setzen.

RUNEN / Zeichnung: © Ampersand InterartRUNEN / Zeichnung: © Ampersand InterartRUNEN / Zeichnung: © Ampersand Interart

Runen / Zeichnung: © Ampersand InterartRunen / Zeichnung: © Ampersand InterartRunen / Zeichnung: © Ampersand Interart

»RUNEN« (SIC-Literaturverlag Aachen, 2015) / Zeichnungen zu Prosaminiaturen von Alexander Graeff

→ Mit welchem Material arbeitest Du am liebsten und wie würdest Du Deinen Stil beschreiben?
Meine Zeichnungen entstehen durch eine Mischtechnik aus analogem und digitalen Arbeiten. Ich zeichne mit schwarzer Tusche und verschiedenen Werkzeugen wie Pinsel, Zeichenfeder oder Hölzern, die erst einmal sehr hart und unnachgiebig erscheinen, aber für mich sehr ehrliche Arbeitsmittel sind, weil sie wenig Raum für Dekoration lassen. Auf diese Weise entstehen Serien von Zeichnungen zu Strukturen und Ordnungssystemen.

Über einen abstrakten Zeichenstil nähere ich mich dann den Strukturen des jeweiligen Themas an, dekonstruiere sie und setze sie wieder neu zusammen. In den Arbeiten zu Gedichten von Wilfred Owen ist die formgebende Struktur der Krieg, der durch seine Gewalt und Zerstörung auf alle anderen gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Bereiche des Lebens einwirkt und sie verändert. Er zerstört die gewohnten Muster und lässt neue Strukturen entstehen. Diese Kraft ist für mich abstrakt und schwer fassbar. Ich versuche, sie in ihre Bestandteile zu zerlegen und zu schauen, wie die innere Struktur aufgebaut ist, die sich auf alle äußeren Strukturen überträgt.

Die analogen Zeichnungen bearbeite ich dann im zweiten Schritt digital weiter. Durch Überlagerungen und Transformationen werden die gezeichneten Strukturen aufgebrochen und ergeben neue. Manchmal werden dann im dritten Schritt die Zeichnungen in Bewegtbilder umgesetzt und bei Aufführungen performativ inszeniert. Ein Beispiel dafür ist die Aufführung der Gedichte von Wilfred Owen in der Buchhandlung Ocelot Berlin.

»Die Erbärmlichkeit des Krieges« (Verlagshaus Berlin, 2014) / Visuelle Performance / Buchhandlung Ocelot Berlin, 2015

→ Wie näherst Du Dich der Illustration von Gedichten?
Oftmals ist es eine intuitive Herangehensweise. Gedichte sind natürlich eine Herausforderung, weil sie auf kleinstem Raum ganz große Geschichten erzählen können. Ich finde es meist interessanter nicht zu einzelnen Texten zu arbeiten, sondern zu einem Zyklus, der zu einem bestimmten Thema entstanden ist. Mein abstrakter Stil erscheint mir ähnlich der Struktur eines Gedichtes: er bietet den größtmöglichen Interpretationsspielraum.

Diese Arbeitsweise bildet mein Herangehen an Welt ab. Ich versuche erst das Ganze zu sehen und mich dann dem Detail zu nähern. Durch genaues Hinsehen ergibt sich die Möglichkeit, neue Zugänge zu schaffen und Sehgewohnheiten jenseits bekannter Gewohnheiten und Stereotype erfahrbar zu machen. Diesen Blick wünsche ich mir auch im alltäglichen Leben. Erst in der Auseinandersetzung und durch das Verlassen des »Eigenen« kann ich mich auf das »Fremde« einlassen und Neues erschaffen.

→ Was macht Buchillustration für Dich besonders?
Ich finde es spannend, wenn ich es schaffe, in einer Zeichnung nicht nur ein Abbild von etwas Vorgegebenen zu erzeugen, sondern neue Interpretationsmöglichkeiten aufzuzeigen. Ich arbeite gern mit Künstler_innen anderer Disziplinen zusammen und bin immer wieder ganz erstaunt, wenn durch die Kombination von verschiedenen Künsten wie Zeichnung, Text, Sound oder Bewegtbild etwas ganz Neues entsteht und neue Zugänge ermöglicht werden. Ich habe zum Beispiel die Erfahrung gemacht, dass Leser_innen, die selten Gedichte lesen, über Illustrationen einen Weg zur Lyrik finden.

→ Gibt es gesellschaftliche Themen, die Dich in Deiner künstlerischen Arbeit besonders interessieren?
Mich interessieren die großen gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Themen, die diskutiert werden müssen, um Neues aus der Zeit herausreißen zu können. Auch in der Kunst kann man diese Themen verhandeln und präsent machen. Mich interessieren Konventionen und von uns nicht getroffene, aber doch akzeptierte Vereinbarungen, die es uns oftmals schwer machen, uns zu verständigen – z. B. Geschlechterkonstruktionen und Rollenverständnisse, mit denen ich mich täglich auseinandersetzen muss. Hinterfragung und Dekonstruktion über die Sprache reichen dafür oftmals nicht aus und ich habe das Gefühl, dass man auch über Bilder neue Wege und Zugänge finden kann. Das hat mich übrigens auch veranlasst, zu zeichnen. Es ist ein anderer Weg, mich auszudrücken und vielleicht auf eine andere Art verständlich zu machen.

Wilfred Owen / Zeichnung: © Ampersand InterartWilfred Owen / Zeichnung: © Ampersand Interart

Wilfred Owen / Zeichnung: © Ampersand InterartWilfred Owen / Zeichnung: © Ampersand Interart

Wilfred Owen / Zeichnung: © Ampersand InterartWilfred Owen / Zeichnung: © Ampersand Interart

»Die Erbärmlichkeit des Krieges« (Verlagshaus Berlin, 2014) / Zeichnungen zu Gedichten von Wilfred Owen

→ Was oder für wen würdest Du nie illustrieren?
Ich glaube daran, dass man in der eigenen Profession immer Haltung beziehen und politisches Engagement zeigen muss. Ich möchte zu Themen arbeiten, die mich interessieren und darüber hinaus auch politische Verantwortung bezeugen. Ich würde nie für Auftraggeber_innen zeichnen, die diskriminierende, rassistische oder gewaltverherrlichende Positionen besetzen. Der gesellschaftliche Backlash der letzten Jahre zeigt, dass es wichtiger geworden ist, seine Stimme zu erheben und für eigene Positionen auch öffentlich einzutreten: »It´s up to us to change traditions. It´s up to us to raise a voice!«, sagte Dorian Wood, eine Ikone der queeren Bewegung und ein politisch engagierter Künstler, nach einem Konzert in Heidelberg. Eine Stimme haben wir auch in unserer künstlerischen Arbeit. Wir können mit unseren Projekten Menschen berühren, Themen sichtbar machen und Paradigmenwechsel initiieren.

→ Mit welchen Künstler_innen würdest Du gern ein Projekt realisieren?
Der südafrikanische Künstler William Kentridge hat mich vor allem in Bezug auf meine performative Arbeit sehr beeinflusst. Seine Zeichnungen, Filme und Installationen zu politischen Fragen, insbesondere zu Apartheid und Rassendiskriminierung, wie z. B. »The Refusal of Time« (Documenta 11), beeindrucken mich jedes Mal aufs Neue. Ganz bewusst verwendet er in seinen Arbeiten Stereotype und scheinbar klischeehafte Symbole, setzt sie in einen zeitgemäßen Kontext und macht damit politische Strukturen sichtbar. Es wäre ein großes Vergnügen, einmal mit ihm zusammen arbeiten zu können!

Außerdem habe ich gerade die koreanische Autorin Anna Kim für mich entdeckt. Nach »Fingerpflanzen«, einer Kurzgeschichtensammlung, lese ich jetzt »Die gefrorene Zeit«, ein Roman über die Suche nach vermissten Personen aus dem Jugoslawien-Krieg. Die bildgewaltige Sprache von Anna zu einem Stück grausamer und für viele Menschen traumatisierender Zeitgeschichte lässt mich nicht mehr los. Beim Lesen entstehen in meinem Kopf Zeichnungen, es entfaltet sich ein ganzes Gebirge an Gedanken und neuen Bildern und ich denke, was Anna denken würde, wenn ich ihr diese Bilder zeigen würde.

Mich begeistern Menschen, die in ihrer künstlerischen Arbeit Positionen vertreten. Ich freue mich immer über formal und inhaltlich kluge Arbeiten, weil sie mein Leben bereichern und ich immer noch etwas dazu lernen kann. Aber es gibt auch Projekte, die eher Herzensprojekte sind und die ich einfach irgendwann einmal machen möchte, z. B. die Tiere aus den Geschichten meines Großvaters zu zeichnen, um damit auch ein Stück Erinnerung an die eigene Geschichte zu bewahren.

Diorama / Zeichnung: © Ampersand InterartDiorama / Zeichnung: © Ampersand InterartDiorama / Zeichnung: © Ampersand Interart

Diorama / Zeichnung: © Ampersand InterartDiorama / Zeichnung: © Ampersand InterartDiorama / Zeichnung: © Ampersand Interart

»Stempelkissenbuch« (Sukultur Verlag Berlin, 2017) / Zeichnungen zu Gedichten von Anna Hetzer

→ Wieviel ist für Fame, wieviel für Fortune?
Ich glaube eher an Fortune als an Fame. Es macht mich glücklich, mich in ein Thema zu vertiefen, zu recherchieren und das für mich Bestmögliche herauszuholen. Ich weiß, dass ich in einer einigermaßen privilegierten Situation bin, weil ich mit meinen Zeichnungen kein Geld verdienen muss, sondern mir meinen Lebensunterhalt auf andere Weise verdiene. Das Zeichnen ist für mich auch immer die Gelegenheit, für einen gewissen Zeitraum aus den alltäglichen Abläufen auszusteigen und mich in diese Themen vertiefen zu können, für die oftmals im Alltag weniger Zeit bleibt.

Da fällt mir die bereits verstorbene Fotografin Vivian Maier ein. Ich habe eine Ausstellung ihrer Fotografien in Nuoro (Sardinien) gesehen. Sie zählt heute zu den wichtigsten amerikanischen Fotograf_innen des 20. Jahrhunderts, war aber zu Lebzeiten völlig unbekannt. Fame hat sie anscheinend nicht interessiert, sie hat aber wirklich gute Fotos gemacht und im Amerika der 1950- bis 2000er-Jahre Beobachtungen von Zuschreibungen, Geschlechterrollen und gesellschaftlichen Mustern fotografisch skizziert. Sie selbst wollte unsichtbar bleiben, variierte sogar die Schreibweise ihres Namens. Heute steht sie in einer Reihe mit Diane Arbus und Henri-Cartier Bresson.

Unsichtbar bleiben sollen meine Arbeiten nicht. Für mich bedeutet Fame, wenn meine Zeichnungen Menschen berühren und sie mir Feedback geben. Darüber freue ich mich sehr!

→ How much is the Fish?
As much as the Fish can be. Das ist eine seltsame Frage, Fische sind Lebewesen und können nicht in materiellen Werten aufgewogen werden. So wie man auf Ponys nicht reiten darf und Blumen nicht ausschließlich zum Zweck der Dekoration pflücken sollte.

Mehr zu AMPERSAND Interart

Die Erbärmlichkeit des Krieges / Verlagshaus Berlin, 2014

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