KRIEG III – Giftgasangriff

Giftgasangriff: 16. März 1988

 

Es ist nicht still in Halabdscha, sollte es aber sein.

Ich kehre mit den anderen zurück von den Bergen.

Was hat es mit Wissenwollen auf sich?

Sehen wollen, was man glaubt?

Was hat es damit auf sich, nicht loslassen zu können?

 

Die Hälfte der Häuser steht noch

beim Rest lässt sich erkennen, woraus sie gemacht waren:

Steine und Zement, Fenster und Türen,

Fleisch und Blut.

 

Von überall her kommen Schreie, Heulen

derer, die Körper ihrer Liebsten finden –

Kinder, die aus den Innenhöfen entkamen

und draußen auf den Treppen starben,

der Rücken eines Mannes, unter dem Arm das Gesicht seines Babys.

 

Mein Nachbar sagt: Sie alle sind tot.

Er möchte mir seine Familie zeigen.

Einige Journalisten fotografieren,

während Männer Leichen ausrauben,

ein klarer Himmel –

alles tot, nicht nochmals zu töten.

 

Ich stehe von allem abgespalten

und beobachte, gläubig ungläubig.

Mein Nachbar wird irre werden und sich nächste Woche umbringen,

eine Frau, die ihre Tochter nicht findet,

wird sie suchen, bis sie stirbt.

Der Mann, der seine Familie zurückgelassen hatte,

wird in einer Hölle mit sich selbst leben,

der Imam, der täglich zum Gebet rief,

wird anfangen zu trinken.

 

Ich stehe hier und schaue, weinend, nicht weinend.

Ich weiß, dass ich nichts weiß,

dass ich niemals etwas wissen werde,

und ich weiß, dass diese Ruine

mein einziges Wissen bleiben wird.

 

Choman Hardi

 

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Zwischen 11 und 12 Uhr vormittags am 16. März 1988 flog die irakische Luftwaffe einen Giftgasangriff in 14 Folgen auf die vor allem von Kurden bewohnte Stadt Halabdscha, nahe der iranischen Grenze. Der von der Bevölkerung unerwartete Giftgasangriff auf die an den beiden Tagen zuvor von iranischen und mit ihnen verbündeten kurdischen Einheiten eingenommene Stadt bereitete die Anfal-Operation vor, mit der das Regime von Saddam Hussein 1988/1989 einen Genozid an Kurden, Assyrern, Jesiden, Turkmenen und Chaldäern im Nordirak mit über 4.000 zerstörten Dörfern und bis zu 180.000 Opfern beging.

Während des Angriffs am 16. März starben zwischen 3.200 und 5.000 Menschen, zumeist Zivilisten, qualvoll durch die Giftgase – das bereits im 1. Weltkrieg von deutschen Truppen eingesetzte Senfgas sowie Sarin, Tabun und Cyanid. Nach dem Angriff zerstörten irakische Truppen die Stadt mit Bulldozern und Sprengsätzen, Überlebende wurden getötet oder deportiert. Bis zu 10.000 Menschen trugen durch das Gas dauerhafte gesundheitliche Schäden davon – Atemwegserkrankungen, Hautkrankheiten, Krebs, Fehlgeburten häuften sich. Etwa drei Viertel der Opfer waren Frauen und Kinder.

Der damalige Gouverneur der nordirakischen Provinzen und Kommandant der irakischen Truppen, Ali Hasan al-Madschid, Cousin des Diktators, wurde 2010 wegen des Genozids von Halabdscha durch ein irakisches Gericht verurteilt und am 25. Januar 2010 hingerichtet. Das Giftgas oder seine Bestandteile kamen dagegen zu großen Teilen aus dem Ausland: Singapur, den Niederlanden, Ägypten, Indien und der Bundesrepublik. Die hessische Karl Kolb GmbH und ihre Tochterfirma Pilot Plant sowie die Hamburger Firma Water Engineering Trading und weitere Unternehmen lieferten in das vom Westen tolerierte und gegen Iran unterstützte Regime im Irak Anlagen, die zur Herstellung von Giftgas benutzt wurden. Bislang sind deutsche Exporteure außer drei kleinen Bewährungsstrafen nicht zur Rechenschaft gezogen worden.[i] Auch wurde bislang keine Entschädigung gezahlt.

Vor allem: Die Wiederholung des Terrors ist nicht verhindert worden. Das syrische Assad-Regime führt die Tradition des genozidalen C-Waffeneinsatzes fort. So griff es mit dem Nervengas Sarin am 4. April 2017 den Ort Chan Scheichun an und tötete 87 Menschen, 31 von ihnen Kinder.

Der Schrecken der Geschichte macht aus Wissen Ruinen. Es bleibt, unvollständig, gebrochen, entzogen. Choman Hardis Gedicht: etwas beobachten und benennen und dadurch nicht fassen.

 

BBC News: 1988: Thousands die in Halabja gas attack

SPIEGEL Online: Geruch von Müll und süßen Äpfeln

SPIEGEL Online: Gericht schickt Saddams Giftgas-Lieferant hinter Gitter

Drucksache 12/487 des Deutschen Bundestages // 08. Mai 1991

Mena Watch: Wie deutsche Firmen Nahost-Despoten mit mörderischen Giftgasen versorgten

ZEIT: UN-Experten machen Syrien für Giftgasangriff verantwortlich

 

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Choman Hardi wurde im irakischen Sulaimaniyya in der Autonomen Region Kurdistan geboren. 1988 floh sie mit ihrer Familie vor den Chemiewaffenangriffen der Anfal-Operation des irakischen Regimes. 1993 erhielt sie Asyl in Großbritannien und studierte Psychologie und Philosophie in Oxford und London und promovierte in Kent über die erzwungene Migration kurdischer Frauen aus Irak und Iran. Neben drei Gedichtsammlungen auf Kurdisch veröffentlichte sie auch die beiden englischen Gedichtbände Life for Us (2004) und Considering the Women (2015). Mittlerweile wohnt sie wieder in Sulaimaniyya und unterrichtet Englische Literatur an der dortigen American University of Iraq. Der Wechsel in die englische Sprache ermöglichte Choman Hardi nach eigener Aussage die nötige Distanz, um über Genozid und Unterdrückung zu schreiben. Dropping Gas: 16th March 1988 erschien in Life for Us.

 

 

[i] Allein in den Niederlanden wurde 2005 der Geschäftsmann Frans van Anraat wegen illegaler Chemiegeschäfte mit dem Irak als Kriegsverbrecher zu einer Haftstrafe von 15 Jahren verurteilt.

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Published on: 8. Dezember 2017
Erstellt von Verlagshaus
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