Herzlichen Glückwunsch nachträglich!

von Alexander Graeff

Der Volksmund sagt, wer nachträglich zum Geburtstag gratuliert, will als Gratulant*in selbst im Mittelpunkt stehen. Dieser Beitrag in der Blackbox dient augenscheinlich diesem Zweck: Der Autor gibt zu, sich selbst in den Mittelpunkt stellen zu wollen, in dem er einer aktuellen Mode des Kulturmanagements folgt und antizyklisch auf ein kulturhistorisches Ereignis aufmerksam macht. Der Autor gratuliert Wassily Kandinsky (1866–1944) zum 151. Geburtstag und gleichzeitig nachträglich zum 150. Geburtstag der selben Person.

Entgegen eines Volksmundes, der dieser Tage eher wutentbrannt schreit als Bauernweisheiten zu formulieren, will der Autor mit diesem Beitrag aber vielleicht doch gar nicht so sehr sich selbst in den Mittelpunkt stellen als mehr Kandinskys Worte – genaugenommen seine Poesie.

Eine Postkarte

Auf der »Luft« liegend, aber in Wirklichkeit in die Luft bohrend. Jahrhunderte,
Stein auf Stein, Tag auf Tag (dazwischen manche schlaflose Nacht), mit
Spitzen, die schießen, die hängen, die wollen, die schmücken.
Sch-sch-sch-sch …! Unten… Strich:
weiß, horizontal mit Pünktchen. Damit man sieht! Damit man atmet!!
Und wieder Schmuck!!!
Blau! Breit! Schief! Quer! Kühl!
Eis! Dampfer! Holland!
Grün getönt, geschmutzt, gequetscht, zerknüllt.
– Stell dich doch ans Geländer und schau auf die schwimmende Brücke.
– Das kann ich nicht.
Oh! Die kleinen krausen Fleckchen.
Wie unendlich talentlos.
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Aber! Das Herz macht: g! g! g! g! g! g! g! g! (ad libitum).

Ja, Wassily Kandinsky war Poet, insgesamt ein produktiver Schriftsteller. Das belegt sein umfangreiches, veröffentlichtes und unveröffentlichtes Textwerk. Er bediente nahezu alle literarischen Gattungen, schrieb gesellschaftskritische und kunsttheoretische Sachbücher ebenso wie philosophische Abhandlungen, Kritiken, Theaterstücke und – Gedichte. Seiner nationalökonomischen Dissertation über Mindestlöhne folgten nach der Übersiedlung nach München 1896 zahlreiche Arbeiten über Kunst und Kunstpolitik. Das Schreiben war für ihn kein Hobby, auch kein Ventil für seine Arbeit als Maler. Kandinsky selbst identifizierte sich insbesondere in der Zeit zwischen 1909 und 1915 mit der Rolle als Autor. Aber auch noch 1938 bekennt er im Aufsatz Meine Holzschnitte im Kunstmagazin XX. Siècle:

»Schon während vieler Jahre schreibe ich von Zeit zu Zeit ›Gedichte in Prosa‹ und manchmal sogar ›Verse‹. Dies ist für mich ein ›Wechsel des Instruments‹ – zur Seite die Palette und an ihrem Platz die Schreibmaschine. Ich sage ›Instrument‹, weil die Kraft, die mich zur Arbeit treibt, immer dieselbe bleibt, das heißt ein ›innerer Druck‹. Und diese Kraft ist es, die von mir einen Wechsel des Instruments verlangt.«

Bis 1912 erschienen neben zahlreichen Einzelarbeiten in deutschen und russischen Zeitschriften schließlich im Piper Verlag sein kunsttheoretisches Werk Über das Geistige in der Kunst und der berühmte Der Blaue Reiter Almanach, dicht gefolgt von dem Gedichtband Klänge, einer vom Dadaismus stark gefärbten Sammlung mit Prosagedichten, die 1917 von Hugo Ball (1886–1927) im Cabaret Voltair vorgetragen wurde. Das ist gemeinhin nicht bekannt, obwohl Kandinsky zu den Vorzeigekünstlern der Klassischen Moderne zählt, zu jenen V.I.P. des 20. Jahrhunderts, die allgegenwärtig, wenn auch längst verkommen zum bildungsbürgerlichen Geraffel, die mitteleuropäische (Dominanz-)Kultur prägen. Vor allem sind es seine abstrakten Gemälde und Grafiken, die – der technischen Reproduzierbarkeit sei Dank – in Arztpraxen, Wellness-Hotels und Unimensen hängen.

Ein bisschen will der Autor dieses Beitrags dann aber doch sich (und seine Arbeit) in den Mittelpunkt der Blackbox stellen, denn letztes Jahr – zum Anlass des 150. Geburtstages von Kandinsky – hat dieser auf exakt jenen vergessenen schriftstellerischen Teil im Schaffen Kandinskys aufmerksam gemacht. Zusammen mit seinem geschätzten Kollegen Alexander Filyuta hat er nämlich Vergessenes Oval herausgegeben – vortrefflich illustriert von Christoph Vieweg.

Vergessenes Oval umfasst russisch- und deutschsprachige Prosagedichte Kandinskys, die zwischen 1885 und 1920 entstanden sind. Der größte Teil besteht aus den nachgelassenen Arbeiten, die er zwischen 1909 und 1912 verfasste. Diese Texte gehören zu einem umfangreichen Manuskript, aus dem Kandinsky schließlich 38 Arbeiten auswählte, um sie zusammen mit einigen Holzschnitten 1912 in seinem Gedichtband Klänge zu veröffentlichen. Die in Klänge nicht veröffentlichten Texte aus dem besagten Manuskript wurden in Vergessenes Oval einem breiten Publikum zugänglich gemacht.

Schönes

In einem grünen Boot auf grünem Wasser sitzen zwei nackte Männer mit
grünen Badehöschen. Sehr malerisch!
Als mir vorgeschlagen wurde, alles mal mit Geschmack zu verändern, konnte ich nach langer Anstrengung nichts besser erfinden. Aber ganz besonders
gefiel mir, dass der eine Mann blond war und helle Haut hatte und der andere Mann schwarzhaarig war und dunkle Haut hatte. Umgekehrt wäre es nicht schön!
Und so sitzen sie noch heute da – zwei nackte Männer mit grünen
Badehöschen im grünen Boot auf grünem Wasser.

In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch Wassily Kandinsky! Am 16. Dezember 1866 erblicktest du das Licht der Welt. Schon früh interessiertest du dich fürs Zeichnen und Musizieren, deine behütete Kindheit ließ Platz für derartige zweckbefreite Interessen und als einziger Nachkomme einer alten adligen Familie bist du aufgewachsen. Dein Vater war der Ritter Vasilij Sil’vestrovic Kandinskij, dessen Vorfahren aus Westsibirien stammten, aber von dort verbannt wurden. Besagter Ritter ließ sich schließlich als Teehändler in Moskau nieder und heiratete deine Mutter Lidija Tichejewa. Die gute Stellung deines Vaters ermöglichte der kleinen Familie ein großbürgerliches Leben. Kunst und Musik waren allgegenwärtig, bereits dein Vater besaß Ambitionen als Maler. Noch Jahre später erzähltest du immer gerne die Geschichte deiner Urgroßmutter, die eine mongolische Prinzessin gewesen war und nach Westsibirien verheiratet wurde.

Aber nicht nur die Vergangenheit war dir eine Inspirationsquelle für deine Kunst – die literarische wie die bildnerische. Ganz ohne Propaganda hast du innovative Werke geschaffen und kunsttheoretische Konzepte entwickelt. Ein stiller Avantgardist bist du gewesen, einer, der vielen Nachfolgenden ihrerseits Inspirationsquelle war. Deine Poesie ebenso wie deine Sachtexte waren Wegbereiterinnen der Konkreten Poesie in Deutschland. Was wären Eugen Gomringers Manifeste der Konkreten Poesie aus den 1950er Jahren ohne deine schriftstellerische Vorarbeit? ––

Du sprachst vom »Ziel […] durch malerische Mittel […] solche Bilder zu schaffen, die als rein malerische Wesen ihr selbständiges, intensives Leben führen« (Ergänzung von W. Kandinsky, 1913). Gomringer schrieb im Kontext seines dieser Tage zu zweifelhafter Berühmtheit gekommenen avenidas-Textes, den er als Beispiel einer sogenannten »konstellation« anführte: »mit der konstellation wird etwas in die Welt gesetzt. sie ist eine realität an sich und kein gedicht über…« (vom vers zur konstellation, 1954).

Gomringer spricht in eben diesen Manifesten auch von »formale[r] vereinfachung«, von »reduzierte[n], knappe[n] formen«, von »konzentration«, von der »form der neuen dichtung«, vom »zweck der neuen dichtung«, die »zum nutzen der gesellschaft« bestimmt sein soll. Er spricht vom »schweigen« als zentralem Unterschied zur Poesie vorhergehender Epochen, davon, dass die konkrete Poesie »mechanistisches und intuitives prinzip in reinster form verbinden« könne und schließlich fordert er eine »lebenshaltung«, die »synthetisch-rationalistisch« zu sein habe. Es geht ihm um nichts geringeres als das »wesen der dichtung«.

Entnommen hat Gomringer das Vokabular wohl nicht nur deinem berühmten Über das Geistige in der Kunst, jener zentralen Programmschrift der abstrakten, später von dir ›konkret‹ bezeichneten Kunst. Besagtes Vokabular kann auch in deiner vierzehn Jahre später erschienenen Bauhaus-Monografie Punkt und Linie zu Fläche leicht herausgelöst werden. Doch viele deiner immer wiederkehrenden Überlegungen zur Synthese von Kunst und Leben, zur neuen Epoche des großen Geistigen, zu Bildung und Unterricht oder zur Kunstpolitik sind in den zahlreichen Aufsätzen zu entnehmen, die du ja ebenso über die Jahre verstreut publiziert hast. Zwischen dem Jahr deiner Rückkehr nach Deutschland 1922 bis zum Ende der 1930er Jahre waren es allein 25 Einzeltexte, die erschienen sind. Daneben natürlich deine umfangreichen Briefwechsel mit zahlreichen Freund*innen und Kolleg*innen.

Deine akademiekritische und reformistische Grundhaltung, deine interdisziplinären Synthesekonzepte, die auch am Bauhaus von anderen vorangetrieben wurden, waren sicher die maßgeblichen Beweggründe für dich, dem Ruf von Walter Gropius, ans Bauhaus zu kommen, zu folgen. Schon weit vor 1922 kreiste ja dein Denken um Theorien einer Höherentwicklung des Menschen und die Neuschöpfung der Gesellschaft durch das Geistige, insbesondere der Kunst und Poesie; einem vergleichbaren Sachverhalt, den Gomringer 1954 sprachlich geschärfter als »großen reinigungsprozeß« im Kontext seiner neu zu bestimmenden Poesie, die eine »sprache des gelebten lebens« (vom vers zur konstellation, 1954) sein sollte, propagierte. Ähnliches brachte Gomringer übrigens dann zwei Jahre später auf den Punkt, als er aufgrund eines, seiner Meinung nach vorherrschenden »mangels an einsicht in eine entwicklungstendenz unserer gesellschaft« ein über die Poesie weit hinausreichendes Denken und Handeln forderte, das summa summarum eine »neue ganzheitsauffassung« (konkrete dichtung, 1956) enthalten solle.

Wie auch immer, du hast den Weg geebnet für Nachfolgende, seien es poetische Bewunderer wie Eugen Gomringer oder scharfsinnige Polemiker wie Adorno. Letzterer monierte, du hättest mit deinen »Schriften aus den Anfängen der radikalen Moderne« den »ästhetische[n] Begriff des Geistes […] arg kompromittiert« (Ästhetische Theorie, 1973). Kreativ reinvestiert hast du, das trifft es besser, denn einen Begriff kompromittieren, seinem Ansehen schaden, kann nur, wer glaubt, Begriffe seien starre Gebilde unabhängig ihrer Deutung. So viel zum Thema »wesen der dichtung«.

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Category: BlackBox
Published on: 16. Dezember 2017
Erstellt von Verlagshaus
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