»Why are you sleeping in tomorrow´s world?« fragt Anna Hetzer, in dem sie die Electro-Band Ladytron zitiert, in ihrem Lyrik-Band zwischen den prasselnden punkten (Verlagshaus Berlin, 2016). Ich traf Anna das erste Mal irgendwann 2006 bei einem der damals zahlreichen und mittlerweile legendären Verlagshaustreffen. In großer Dichter_innenrunde diskutierten wir bei diversen alkoholischen Kaltgetränken aufgeregt über Literatur, Politik, Gesellschaft, dann über Lyrik, Lyrik und Lyrik.
Damals war es noch nicht lange her, dass sich das Verlagshaus Berlin gegründet hatte; wir waren euphorisch, engagiert und hatten große Pläne. Eine Sache einte uns: Wir alle wollten Literatur machen. Und Illustration. Wir wollten neue und aufregende Stimmen zu Gehör bringen, Zeitschriften verlegen – und Bücher.

Seit zwei Jahren gab es bereits die Belletristik. Zeitschrift für Literatur und Illustration  und in einer der ersten Ausgaben waren auch Texte von Anna enthalten. Ich kannte ihre Texte also lange bevor ich sie an jenem Abend zum ersten Mal persönlich kennenlernte. Etwas abseits saß sie auf einer (damals auch noch nicht legendären) Couch, ganz ohne Pose. Ich konnte ihr beim Denken zuschauen. Ihre Worte kamen sehr gewählt und präzise, begleitet von großer Neugier am Gegenüber. Von nun an war sie präsent – nicht nur im Verlag.

Nach einigen weiteren Begegnungen, bei Lesungen des Autor_innenkollektivs G13 oder der Belletristik, und nach neuen Texten von ihr, verschwand sie dann plötzlich. Leise, ganz ohne Pose. Fast hatte ich es nicht bemerkt. Sie zog sich zurück, um endlich ihr Studium der Medizin, der Philosophie und der Literaturwissenschaften abzuschließen. Das einzige, was ich zu Gesicht bekam, war ihre Lyrik, die weiterhin in Zeitschriften und Anthologien erschien.

Im Frühjahr 2014 bekam ich dann ein Buchmanuskript von ihr auf den Tisch – und war sofort begeistert! Die unglaubliche Dichte des Sprachmaterials nahm mich gefangen. Mich beeindruckte die komprimierte Lyrik mit sparsam fokussierter Wortwahl, die ganze Horizonte von Bildern und Themen ausbreitete: Beobachtungen, die unterschiedliche Orte und Kulturen in den Fokus nahmen, sich geografisch positionierten aber auch metaphorisch in Sprache, Kultur und in den Beziehungen der Menschen. Wir beschlossen im Verlag einstimmig, dieses Buch zu verlegen.

Im selben Jahr sah ich Anna auf dem Poesiefestival in der Akademie der Künste wieder. Wir sprachen über ihr Manuskript, über ihre Texte und entdeckten ähnliche Themen, für die wir brannten. Aus diesem Treffen entwickelte sich eine Freundschaft. Wir trafen uns fortan öfters, spazierten gemeinsam über den jüdischen Friedhof in Weißensee, diskutierten bei dem einen oder anderen Glas Bier im »Willy Bresch«, trafen uns bei Atelierabenden der Künstlerin Helena Parada Kim, bei Lesungen, Buchmessen und anderen Veranstaltungen in den letzten vier Jahren.

Immer wieder sprachen wir über Orte, Verortungen, Identitäten und das Reisen. Gegenseitig sahen wir uns nun beim Denken zu. Wir begleiteten uns gemeinsam über die Autorin-Verlegerin-Beziehung hinaus: In Gedanken war ich dabei als Anna Praktika in Israel und Paris machte, als sie ihre erste Stelle in einem Berliner Krankenhaus annahm, oder als sie nach Korea, Japan und nach Polen reiste. Wir schrieben uns während meiner Aufenthalte in China, New York und Odessa und kamen nach unserer Rückkehr nach Berlin immer wieder auf unsere Gespräche übers Reisen zurück. Annas Gedanken zu Sprache und Wahrnehmung faszinierten mich erneut, denn ihre Beobachtungen erschienen mir wie eine Art Dazwischen, fast wie ein Schlafwandeln zwischen den Kulturen, und dem Heute und dem Morgen. Vor allem waren sie aber, wie ihre Lyrik selbst, eine Kampfansage an jede Form des stereotypen Denkens.

Seit einiger Zeit arbeitet Anna regelmäßig mit Komponist_innen der Neuen Musik und bildenden Künstler_innen zusammen. Fragt man sie, wie sie sich heute ihre Sujets aussucht, antwortet sie, dass es für sie immer eine Suche sei, eine Suche nach dem Dazwischen. Dieser Suche kann man zuteil werden in ihrem jüngsten Band stempelkissenbuch (SuKuLTuR, 2017). Darin erzählt sie aus der Sicht einer Reisenden über Japan, von verzauberten Landschaften, dem Changieren zwischen Sprachen und Kulturen, aber auch über alltägliche Situationen in Großstädten – stets begleitet von Bedrohungen wie Erdbeben oder atomaren Katastrophen.

Ihre Texte werfen Fragen nach interkulturellen Kontexten auf, Fragen nach kulturellen Grenzen, nach dem, was fremd und eigen ist. Im Bewusstsein der eigenen Kultur konfrontieren sich Reisende immer mit der fremden Kultur; beständig müssen sie Klischees und Stereotype hinterfragen. Anna schafft es, diese Fragen in ihre Lyrik einfließen zu lassen, ohne einfache Antworten zu geben. Ganz leicht macht sie das, fast wie eine Schlafwandlerin, doch keinesfalls abseits, nur ganz ohne Pose.

Andrea

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