Dürfen wir vorstellen … Ricardo Domeneck

Ricardo Domeneck

»Dürfen wir vorstellen …« So haben die kleinen Texte, mit denen wir dieses Jahr unsere Autor_innen vorstellen, angefangen. Und bei vergangenen Hinführungen war es schon geradezu unmöglich, Autor_innen so vorzustellen, dass die Texte sich lesen wie ausführliche Autorenvitae oder etwas lang geratene Klappentexte.

Aber das zeichnet vielleicht auch das Verlagshaus aus: Mit unseren Autor_innen verbindet uns nicht nur ein Kompliz_innenverhältnis, einen Bund für das jeweils nächste Buch, sondern in den allermeisten Fällen Freundschaften.

Wie also Freund_innen vorstellen? Wie bei einer Stehparty voller Fremder, zu der man widerwillig hingegangen ist, vielleicht: Das hier ist Ricardo. Er ist Autor. Neun Bücher wurden von ihm bis dato veröffentlicht [1]. Gedichte, ja. Hauptsächlich sogar. Prosa auch, etwas. Eine Handvoll Zeitschriften gibt er heraus. Blogs? Ja, hat er auch ein paar. Wichtig auch, mhm, ist er, Vermittler Brasilianischer Gegenwartsliteratur, Essayist, Performancekünstler, politischer Aktivist, wenn Sie so wollen. DJ war er auch für eine Weile, ja.

All das stimmt, und all das ist für eine Stehparty ok — für die BlackBox allerdings Quatsch.

Also anders — persönlich, sehr persönlich, wie seine Gedichte es verlangen, wie seine Freundschaft es verlangt:

Morgens um halb sechs auf einer Terasse in Rio de Janeiro. Blick auf den Atlantik, 13 Stunden Flug und so viele G&Ts wie Stunden haben Deinen Rhythmus vollends zerschossen. Am Abend ist ein Auftritt des Zeitkunst-Festivals, irgendjemand stimmt im Haus schon seine Geige und löst sofort Stress aus: Haben alle ihre Texte, gibt es jetzt überhaupt eine Ton-Anlage? Kommt irgendjemand dahin? Ist Max von seinem nächtlichen Spaziergang überhaupt zurückgekehrt? Und wo bekommen wir eigentlich einen verdammten Video-Mixer her?, dabei möchtest Du nur kurz Ruhe, bevor die anderen auch aufwachen. Rauchen, Kaffee trinken, denken, dass den Weg von Gedichten körperlich mitzugehen etwas sehr schönes ist, da wird vom Haus aus geschrieen, »wo ist meine verdammte A-«. Und während Du schon aufstehen möchtest, mitsuchen, Video-Mixer ertelefonieren, Max suchen etc., spürst Du eine Hand auf Deiner Schulter, die Dich runterdrückt, eine zweite Hand stellt wacklig zwei Becher Kaffee vor Dir ab, nimmt sich dann eine Zigarette aus Deiner Schachtel. »Not yet«, sagt eine Stimme und jeder Stress fließt aus Deinem Körper mit einem Ausatmen, das Du Ricardo nennst.

Oder so: Dominik und ich gehen an einem verregneten Sommertag zur Lesung in der Bibliothek am Wasserturm im Prenzlauer Berg. Es ist Poesiefestival. Wir hören dort Gedichte — zwei Autoren, drei, vier und natürlich hält sich niemand an die 15-Minuten-Regel, 90 Minuten sind also schon vergangen, wir wollten noch mehr in Schöneberg hören, und die Tram fährt in sieben Minuten, ohne uns zwei gäbe es allerdings nur sechs Zuhörer_innen in der Bibliothek, also heißt es bleiben — und Autor Nr. 5 wird aufgerufen. Es folgen genau 15 Minuten – auf die Sekunde genau. 15 Minuten voller Leidenschaft, Gedichte über Brasiliens Militärdiktatur, Humberto Castelo Branco, über Patroclos und Antinoos, über Schweine als Widmungstiere, über salzige Penisse [2], darüber, was Geschichte uns lehren kann. Nicht lehren kann. 15 Minuten, und nach dem letzten Gedicht rufe ich »mehr!«, nur leider nicht laut, und seiner Lesung müssen wir los, und ich ärgere mich, dass wir nicht einmal hallo gesagt haben.

Oder so: Mit Odile (Odile!) und Ricardo an Übersetzungen für seinen Band »Körper. Ein Handbuch« arbeiten, und 120 Minuten schallendes Gelächter und riesige Freude über die kleinen Anpassungen, die wegen Odiles wunderbaren Übersetzungen gleich am Original vorgenommen werden.

Oder so: Liebeskummer hat er und kommt auf einen schlechten Kaffee und zu viele Zigaretten in den Verlag. Er setzt sich und zitiert. In einem Fort: Baudelaire, Seferis, Neto [3], Duffy, Homer, Derrida, Dickinson, Lorde, Plath, … Du hörst zu und schenkst Kaffee nach, wirfst Zigaretten um Dich, schweigst, bis er die Autor_innen-Beschwörung beendet, sich auf das Verlagshaus-Sofa wirft und ruft, »They‘re all wrong! Each and every one of them! The truth is … it just hurts!«

Oder so: Diskussion mit Autor_innen über Dimensionen des Politischen in Gedichten. Neben Dir ein rumpelnder Ricardo, der rüde ruft: »don’t you see there’s nothing else to write about right now?«, und dabei den Anwesenden Handy-Bilder von Polizeigewalt in Sao Paulo in die vakanten Augen drückt.

Oder so: Eine ältere Dame kommt nach einer Lesung von Ricardo auf uns zu und sagt, »Ich weiß, dass Ihre Gedichte nicht für meinesgleichen geschrieben wurden, aber…« Ricardo hebt unterbrechend die Schultern, lächelt, nimmt ihre Hand und sagt in langsamem Deutsch: »Liebe ist für unser aller gleichen, Darling«. Sie kauft drei Bücher.

Oder so: Wir bitten Ricardo, etwas für die Blackbox zu schreiben und erwarten eine Fortführung seines bisherigen literarischen, poetischen, poetologischen Programms, und als ersten Beitrag bekommen wir einen Text zu etwas ganz anderem: Zoopoetics. Eine Auseinandersetzung mit dem Menschen unter der Bedingung seines Tier-Seins. Eine Verwandtschaft zu Mikael Vogel und seinen »Dodos auf der Flucht«, eine Verwandschaft mit ganz anderer Perspektive und Verwurzelung. Doch davon in seinen Beiträgen mehr.

Vorstellungen bleiben defizitär, und wer kennt das nicht: man stellt Freunden einen Freund, eine Freundin aus einem ganz anderen Kontext vor und möchte, dass die Freundschaft sich ausweitet, alle verbindend wird, nur fällt die Vorstellung dann so aus, dass sie Zugänge verschließt, nicht öffnet, und es bleiben Parallelfreundschaften. Auf dass dieser kurze Text das Gegenteil bewirkt. In diesem Sinne: Dürfen wir vorstellen … RICARDO DOMENECK

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[1] In diesen Tagen ist bei Ricardos brasilianischem Hausverlag 7Letras, sein letztes Buch, »SOB A SOMBRA DA ABOBOREIRA« (Im Schatten des Rizinus) erschienen.
[2] Jahre später, nach dem Erscheinen seines Bandes »Körper. Ein Handbuch« im Verlagshaus, gab es im Münchner Lyrikkabinett eine Veranstaltung, in der Neuerscheinungen von vier Kritiker_innen vorgestellt wurden, »Das Lyrische Quartett«. Tristan Marquardt rief mich am Morgen nach der Veranstaltung an und berichtete, es sei ihm sehr unangenehm, mir das zu sagen, ich solle aber wissen, dass während das Urteil insgesamt positiv ausgefallen sei, einer der Kritiker am Abend gesagt habe, er könne mit den Gedichten nichts anfangen, weil Penisse in der Lyrik (hier: Lührigkh) nichts zu suchen hätten. Ich musste am Telefon laut lachen, erinnere ich mich, nicht etwa – oder nicht nur – wegen des offensichtlichen Unfugs, Verbote jedweder Art für Gedichte auszusprechen, sondern wegen eines Bildes, das sich mir in Gedanken präsentierte: ein in Frack gekleideter salziger Penis, der sich in einen aus Kritikern geschaffenen Stabreim zu quetschen versucht, woraufhin der Anvers prustet: »Sie haben hier nichts zu suchen, mein Herr!«.
[3] Dabei: Bei besagtem Zeitkunst-Festival wird abends noch zusammengesessen und geredet, das ein oder andere Getränk wird gen Oesophagus verabschiedet, und alle sind sich einig: heute geht es früh ins Bett. Dann Ricardo: »I‘ve invited a few friends to drop by, they should be here in about an hour«. »Friends? how many friends?«, fragt ein sichtlich beunruhigter Kontrabassist, darauf Ricardo: »Who cares, they‘re friends!«. Und nach eineinhalb Stunden setzen sich Victor Heringer, Dmitrij Rebello und Ismar Tirelli Neto zu uns. »Ladies and gentlemen«, ruft Ricardo, »may I present: the Brazilian Poetariat in all it‘s glory«. Es wird vier, bis der Bassist sich ins Bett verabschiedet.

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Published on: 21. Dezember 2017
Erstellt von Verlagshaus
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