„Dieses Plättchen darf als stilisiertes männliches Geschlechtsteil gedeutet werden.“[1]

Als Kind liebte ich einen Maulwurf. Er hieß Mauli und war ein Kuscheltier von Steiff.

Ich liebte diesen kleinen Maulwurf wirklich so innig, dass der Stoff schnell abgewetzt war. Mauli war immer und überall mit dabei, ohne ihn war an Einschlafen nicht zu denken. Statt einer vollständigen rosafarbenen Nase aus Filz hatte er bald nur noch ein paar braune Überreste der einstigen Nase, was mich nicht im Geringsten störte.

Während einer Fahrt in den Sommerurlaub fiel Mauli aus dem Auto.

Mein Vater fuhr immer die ganze Strecke von Zuhause zum Urlaubsziel in einem Rutsch durch. Stunden um Stunden verbrachte die Familie im Innern unseres blassgelben VW Passats. Wir fuhren auch nachts, machten nur wenige kurze Pausen auf zugigen Rastplätzen, um das Auto aufzutanken oder um auf Toilette gehen zu können.

Es war an einer Tankstelle irgendwo in Frankreich, dass Mauli aus dem Auto fiel, wahrscheinlich während ich ausstieg. Ich bemerkte es nicht, zu müde war ich, musste dazu noch dringend zur Toilette. Längst waren wir weitergefahren, als ich den Verlust registrierte. Mein Kinderherz sprang in zwei Teile.

Damit ich den ersten Liebeskummer meines Lebens schnell überwinden konnte, versprach mir meine Mutter ein neues Kuscheltier. Aus dem Urlaub zurückgekehrt, schenkte sie mir einen Löwen. Aus Stoff. Nicht von Steiff, aber sein Fell war kuscheliger als das des Maulwurfs. Er streckte Arme und Beine weit nach vorne und wirkte nicht wie ein vierbeiniges Raubtier – eher wie ein Löwenmensch. Im beiliegenden Briefchen stand, dass der Löwenmensch den Namen François trüge – in Gedenken an Mauli, der ja an einer französischen Tankstelle aus dem Auto gefallen war. Meine Mutter hatte sich mit dem Briefchen selbst übertroffen, darin stand nämlich auch, dass es Mauli gut gehe, er das wunderbare Wetter in Frankreich genieße und ich mir keine Sorgen zu machen brauche. An seiner Statt sende er mir den Löwenmensch François, der fortan mein neuer Begleiter sein solle. Der Name François leitet sich übrigens von franko ab und bedeutet frei und kühn.

Ich mochte François, er war mir aber auch ein wenig suspekt. Kuschelte ich abends im Bett mit ihn, gerieten immer einige Polyesterfasern seiner üppigen Mähne in meinen Mund. Als ich größer wurde, saß François noch einige Zeit auf meiner Bettkommode, bald aber verschwand er zusammen mit den anderen Objekten meiner Kindheit in irgendeiner Kiste im Keller des Hauses meiner Eltern. Vor ein paar Monaten barg ich den Löwenmenschen aus dem elterlichen Untergeschoss, wo er inzwischen über 35 Jahre gelegen hatte. François ist älter geworden. Heute ist sein Fell blass, seine Augen grau, und er riecht nach Staub und engem Heizungskeller. Fast hätte ich François vergessen, wären mir nicht während der Recherchen für meinen Roman, der die Enge des Aufwachsens zum Thema hat, die Berichte über den archäologischen Fund einer über 35.000 Jahre alten Skulptur begegnet – einer Skulptur, die man „Löwenmensch“ nennt.

Der Löwenmensch ist eine etwa 30 Zentimeter große Figur aus Mammutelfenbein. Sie zeigt einen Humanoiden mit Löwenkopf und gehört zu den ältesten Kleinkunstwerken der Menschheit. Die Einzelteile des Löwenmenschen wurden 1939 in einer Höhle der Schwäbischen Alb gefunden, eingesammelt und archiviert. In den Wirren des Zweiten Weltkrieges geriet das Löwenmenschen-Puzzle in Vergessenheit. Erst 1969 wurde es von dem Prähistoriker Joachim Hahn (1942–1997) zusammengesetzt. Jetzt erkannte man, dass es sich bei der Skulptur um ein Mischwesen aus Großkatze, aller Wahrscheinlichkeit nach einem Höhlenlöwen, und einem Menschen handelte. Über das Geschlecht der Figur gerieten Hahn und die Paläontologin Elisabeth Schmid (1912–1994) in Streit. Hahn war der Überzeugung, das Mischwesen sei männlich, Schmid dagegen sicher, dass es sich um eine weibliche Figur handele. Der Leiter der Archäologischen Abteilung des Museums in Ulm, Kurt Wehrberger, beendete den Streit medienwirksam und gab dem Mischwesen seinen heutigen Namen. In der Rede zur ersten Ausstellung des Fundstückes 1987 bezeichnete er es als Löwenmensch, der fortan geschlechtsfrei blieb – ganz im Sinne von franko.

Die Region, in der der Löwenmensch gefunden wurde, war vor drei Jahren wegen eines anderen Ereignisses in der Presse. Die Lobbygruppe „Demo für alle“ mobilisierte auf einem breiten geografischen Band zwischen Stuttgart und München einen aufgebrachten Mob, der sich für biologistische und homophobe Hetze stark machte. Im Sinne des französischen Vorbilds, der „La Manif pour tous“-Bewegung, protestierten die aufgebrachten Wutbürger*innen gegen den baden-württembergischen Bildungsplan 2015, der in einem eher beiläufigen Passus die Akzeptanz sexueller Vielfalt hervorhebt und die Kenntnis „verschiedene[r] Formen des Zusammenlebens von/mit LSBTTI-Menschen“[2] als Bildungsziel kennzeichnet. Ich muss bis heute mit Brechreiz kämpfen, wenn ich ein bestimmtes YouTube-Video einer Reportage über die „Demo für alle“ erinnere. Darin wurde eine aufgebrachte Stuttgarterin während des Protestmarsches interviewt, die die Liebe zwischen zwei Männern als „ääklisch“ bezeichnete. (Ich möchte das nicht verlinken, man findet es aber auch heute noch.) Das geschmacklose Bündnis aus Identitärer Bewegung, AfD und fundamentalistischen Christ*innen wehrte sich vehement auch gegen die „Ehe für alle“ und das „dritte Geschlecht“, das letztes Jahr vom Karlsruher Verfassungsgericht für Menschen, die nicht eindeutig dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zuzuordnen sind, juristisch legitimiert wurde. In den Augen der „Demo für alle“-Befürworter*innen stellte das „dritte Geschlecht“ eine „biologische Anomalie“ dar.

Von der faschistoiden Motivation dieser gefährlichen Geschmacklosigkeit einmal abgesehen, war seiner Zeit zwischen Stuttgart und München vom geschlechtsfreien Geist des Löwenmenschen nicht mehr viel zu spüren. Und das, obgleich man ihm erst 2013 in Ulm erneut eine Ausstellung widmete.[3] Jetzt stellten Forscher*innen die These auf, die Figur weise bestimmte Anzeichen auf, die dafür sprächen, dass es sich bei ihr um einen Menschen handeln könnte, der Löwenantlitz und Fell bloß als Kopfbedeckung trüge. Und da dieser Tage Schamanen voll im Trend liegen, dauerte es nicht lange und man verglich diese Art der Bekleidung mit der eines Schamanen. Vergleichbare Darstellungen kennt man auch aus der altsteinzeitlichen Höhlenmalerei Südfrankreichs: Die fantastischen Figuren zeigen menschliche Beine und Füße mit dem Oberteil eines oder mehrerer Tiere verbunden. Noch phantasieloser aber, als den Löwenmenschen als Schamanen zu bezeichnen, waren ab 2013 erneute Medienberichte über das Geschlecht der Figur. Passend zum naiven Adam-und-Eva-Dualismus[4] der „Demo für alle“-Befürworter*innen wurde nun konstatiert: der Löwenmensch sei „[z]weifelsfrei männlich“[5].Und so wurde wieder einmal dafür gesorgt, dass man nicht mehr an geschlechtsfreie Löwen dachte, oder an konträre, kühne Weisen des Denkens, oder gar an „verschiedene Formen des Zusammenlebens“ – damit zwischen Stuttgart und München kein Anderssein mehr die Ordnung störe.

Und das ist die Geschichte des Gedichts, das ich schrieb während François in meinem Bücherregal seufzte beim Anblick einer so traurigen Zeit. Mir ist, als ob sein Fell noch blasser und seine Augen noch grauer geworden sind.

 

Löwenmensch, oder:

Eingeklemmt zwischen Stuttgart und München

 

Weit vor der menschheitsgeschichtlichen

Ausbreitung des anatomisch

modernen Homo Sapiens

haben Personen anderer Art gelebt.

Verborgen in kühlen Höhlenspalten

der Schwäbischen Alp und eingeklemmt

zwischen Stuttgart und München,

ein Alb, der dem Donau-Kreis

den Namen nennt.

In diesem Ursprung, ganz in der Nähe

eines römischen Fleckens, der einst

Stadt werden wollte, wandten sich

jene Personen gegen das ihnen zugeteilte Prädikat

„ältestes Kunstwerk der Menschheit“ sein zu müssen.

Es waren Mischwesen der Denkmalpflege,

die Fünfunddreißigtausend Jahre später,

den Fund als dreißig Zentimeter

großen Schamanen deklarierten, dabei nicht

kapierten, was es gewesen : der Löwenmensch.

Der Löwenmensch war keine Figur der Fabel,

kein Schreck der Grabungsleiter, vielmehr ein

Gelehrtenpuzzle

aus Elfenbeinsplittern,

Steinzeit,

Höhle,

Fingerfertigkeit und

aus Liebe zwischen Katze und Gewitter,

das den gewohnten Zweibeinern der Zeit

eine dritte Identität zur Seite stellte.

Diese Drittidentität lebte an den Hängen der Hürbe,

der Fluss ihrer Fortbewegung in der Epoche.

Als Gewissen kam sie zu den Menschen, als Traum,

und wurde der Zeit herausgerissen.

Dann dafür gesorgt, dass man nie mehr

an Löwen dachte, an konträre Weisen des Denkens, denn

bis heute kursiert in jenem Flecken

Land zwischen Stuttgart und München

ein hohler Schrecken vor dem Anderssein.[6]

 

 

Abbildungen

 

Abb. 1, 2: Löwenmensch. © Museum Ulm

Der Löwenmensch im Internet: http://www.loewenmensch.de

[1] Zitiert Henning Petershagen in der SÜDWEST PRESSE vom 14.11.2013 die Restaurator*innen des Löwenmenschen; auf https://www.swp.de/unterhaltung/kultur/loewenmensch-restauriert_-zweifelsfrei-maennlich-21628083.html (Letzter Zugriff: 11.01.2019).

[2] Vgl. das Arbeitspapier für die Hand der Bildungsplankommissionen als Grundlage und Orientierung zur Verankerung der Leitprinzipien vom 18.11.2013 auf https://web.archive.org (Letzter Zugriff: 11.01.2019).

[3] Vgl. die Ausstellung Die Rückkehr des Löwenmenschen vom 15.11.2013 bis 09.06.2014 im Museum Ulm auf http://www.loewenmensch.de (Letzter Zugriff: 11.01.2019).

[4] Paradoxerweise ist die Bibel ja voll von Beispielen, in denen die männlichen und weiblichen Attribute vertauscht werden oder sich beide in einer bezeichneten Person verbinden. Die monolithische Geschlechtsverfugung christlicher Laiendeutung könnte so etwa durch das Studium der eigenen heiligen Texte sicher relativiert werden. In Genesis 3:12 wird in der hebräischen Version Eva etwa mit dem männlichen Pronomen bezeichnet. In Genesis 24:16 wird Rebekkah als „junger Mann“ beschrieben und in Genesis 1:27 steht „Adam“ in der 3. Person Plural, was die Gottesebenbildlichkeit mit einschließt und diesen als sowohl weiblich wie männlich erscheinen lässt.

[5] Vgl. den Artikel von Henning Petershagen in der SÜDWEST PRESSE vom 14.11.2013 auf https://www.swp.de/unterhaltung/kultur/loewenmensch-restauriert_-zweifelsfrei-maennlich-21628083.html (Letzter Zugriff: 11.01.2019).

[6] Aus: Graeff, Alexander: Die Reduktion der Pfirsichsaucen im köstlichen Ereignishorizont. Berlin: Verlagshaus Berlin, 2019. S. 98f.

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