Asmus Trautsch: KRIEG

Wie nehmen Dichterinnen Krieg wahr? Wie schreiben sie über den Irrsinn, der traditionell Männerdomäne ist, aber nicht weniger Frauen und Kinder betrifft?

Gedichte von Dichterinnen über Krieg und Vertreibung, Flucht und Exil, von Asmus Trautsch ins Deutsche übersetzt und montiert mit aktuellen politischen Debatten und Entscheidungen, die den Grund dieser Gedichte betreffen.

Heimat

 

Er detoniert um 5.

 

Der Klang ist unmissverständlich:

Erst Fleisch, dann Gedanken.

 

Die Fenster klappern wie wir, zwei Frauen im Nachbeben.

 

Vom Boden aufgerichtet murmelst Du, Bismillah.

Ich, Shit, zittere, halte meinen anschwellenden Bauch.

 

Normalerweise bleibt der Kopf intakt, eine Hand im Baum.

 

Um 6 verlassen wir Dschalalabad.

Ich entschuldige mich und beachte

 

deine kalten Kohleaugen nicht, als ich auf dem Rücksitz nach dem einzigen Gurt greife.

 

[Winter 2013]

Eliza Griswold

 

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Am 6. Dezember 2017 ist eine "nationale Sammelrückführungsmaßnahme" von afghanischen Geflüchteten aus Frankfurt nach Kabul geplant. Trotz der zunehmenden Gewalt – in den ersten neun Monaten des Jahres verzeichneten die UN 2640 Todesopfer und 5379 Verletzte unter Zivilisten, 13% mehr Frauen unter den Opfern als im Vorjahr, insbesondere durch Anschläge – sinkt die Anerkennungsquote für afghanische Geflüchtete in Deutschland. Die Bundesregierung hat Afghanistan wiederholt als „in Teilen sicher“ bezeichnet.

Artikel: Bundespolizei sucht Beamte für Abschiebeflug bei SPIEGEL Online

Artikel: Afghanen werden seltener als Asylberechtigte anerkannt bei ZEIT Online

UNAMA-Bericht über den Schutz von Zivilisten in bewaffneten Konflikten, 1. Januar–30. September 2107

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Eliza Griswold, geboren 1973 in den USA, ist Dichterin und Journalistin. Sie hielt sich immer wieder in Afghanistan, Pakistan, der Demokratischen Republik Kongo, Somalia, Nigeria und anderen Kriegs- und Krisengebieten auf und schrieb von dort Gedichte und Reportagen, u.a. für The New Yorker, The Nation, The Atlantic, The New Republic und das New York Times Magazine. Ihre Lyrik, für die sie den Rome Prize der American Academy erhielt, ist in Zeitschriften und im Band Wideawake Field (2007) erschienen. Daneben hat sie eine Beschreibung der Verbindungen von Islam und Christentum in afrikanischen und asiatischen Regionen mit dem Titel The Tenth Parallel: Dispatches from the Fault Line Between Christianity and Islam (2010) veröffentlicht und sammelte und übersetze Gedichte afghanischer Dichterinnen für den Band I Am the Beggar oft he World: Landays from Contemporary Afghanistan (mit Fotografien von Seamus Murphey, 2014)[1] .

 

 

[1] Ein Landay (Pashto) ist eine afghanische Form des Distichons mit einem neun- und einem dreizehnsilbigen Vers, meist kritisch bis sarkastisch Themen wie Liebe, Trauer, Heimat, Krieg und Trennung verhandelnd, traditionell vor allem von Frauen gesungen.

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Published on: 27. November 2017
Erstellt von Verlagshaus
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