Teil 1: Die Ultra-Unrealität

Seit über 15 Jahren lerne ich Chinesisch. Ich habe in Shanghai und Taipei studiert, war bei Konferenzen in Peking und Nanjing, bin von Hongkong bis in die Innere Mongolei gereist – und solange ich mich erinnern kann, ist es mir unmöglich gewesen, irgendetwas über China zu schreiben. Das heißt: Alles, was ich über China schrieb, landete kurz danach, mit dem roten Stempel „unterkomplex“ oder „exotistisch“ versehen, im Mülleimer. Jeder neue Versuch blieb ein Abrutschen an der Oberfläche, weil die Oberfläche zu verrückt war, um sie mit Worten zu fassen. Lange Zeit habe ich Dichten als Verdichten gedacht: Indem ich Beobachtungen in meiner Sprache kondensierte, wollte ich die ganze Seltsamkeit dessen aufzeigen, was wir als „Realität“ bezeichnen, und diese Realität dadurch ein bisschen weniger sicher, ein bisschen veränderbarer machen. In China gab es für mich nichts zu verdichten. Die Seltsamkeit lag hier so dicht an der Oberfläche, war durch die Umbrüche der letzten dreißig Jahre so offensichtlich geworden, dass mein lyrisches Ich auch gleich Hartz 4 beantragen konnte.

Nach einer Weile entwickelte ich das ungute Gefühl, dass diese Beobachtung nicht mehr nur für China gilt. Spätestens seit dem 8. November 2016 scheint mir die weltweite Realität seltsamer als jede Fiktion. Wie könnte ich diese Welt noch verdichten, ohne dass ein wenig attraktiver Kleisterball aus Klischees entstünde, der sowohl ästhetisch wie politisch völlig unbenutzbar ist? Interessanterweise stellte ich fast zeitgleich fest, dass chinesische Autor_innen offenbar das gleiche Problem haben. Ning Ken, Autor, Verleger und Blogger aus Peking, hat dafür den schönen Begriff 超幻 geprägt, den sein englischer Übersetzer Thomas Moran als „Ultra-Unrealismus“ widergibt. (Ich weiß, dass es auf Deutsch „Irrealismus“ oder vielleicht sogar „Surrealismus“ heißen müsste. Aber die Alliteration ist zu schön, um lost in translation zu gehen.)

„During the last decade“, schreibt Ning Ken in Thomas Morans Worten, „much of Chinese reality has seemed like a hallucination. [...] China faces a mountain of difficulties, an Everest of difficulties, and they are the direct result of the misuse or abuse of power. Yet, despite these difficulties, China has been rising. [...] Before we really knew what was happening, China became the world leader in high-speed rail, the world leader in highway construction, the world leader in number of cars on the road, and the world leader in cell phone usage. China now has the world’s largest economy. [...] It is as if time in China has been compressed. This compression not only folds into the current moment a few hundred years of Western history but also several thousand years of Chinese history. Because time is going too fast, China’s cities are now strange things. They all look exactly alike, as if they were a series of exact computer copies.“

Ning Kens genial einfache Antwort auf die Ultra-Unrealität der (chinesischen) Gegenwart: „To some degree, the more true to reality fiction is these days, the more avant-garde it will seem.“

Wie lässt sich das in eine literarische Strategie übersetzen? Vielleicht so: Wenn das Seltsame zum Ultra-Unrealen geworden ist, das heißt, wenn die Normalisierung und Naturalisierung des status quo so offensichtlich gescheitert ist, dass sie jede_r sehen kann, dann geht es nicht mehr um Verdichtung, sondern zunächst einmal um Aufmerksamkeit. Um eine möglichst genaue Wahrnehmung, um ein Vermessen der ultra-unrealen Realität, und schließlich darum, eine Sprache zu finden, die nicht mehr versucht, das Ultra-Unreale glaubhaft zu machen, sondern seine Existenz aushalten und im Text sichtbar machen kann.

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Published on: 23. März 2017
Erstellt von Verlagshaus
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