Max Czollek … eine Vorstellung in zwei Teilen

Teil 1: Spiegelstrich bei 13.000 Metern Flughöhe

Journal-Eintrag vom 27. November 2014

– Während die Panik-Attacke im Flugzeug eine Welle nach der anderen durch mich drischt, legt Max die eine Hand auf meinen Oberschenkel und führt mit der anderen eine winzige Plastikflasche an meine Lippen.  

„Wenn schon gehen, dann halt gemeinsam – wir und Gin. Und bis dahin: l’chaim!“

 

 

Teil 2: Habe ich gefragt, was das für ein Fisch ist?

Bei einer Anmoderation einer Lesung von Max Czollek in Berlin stellte vor einiger Zeit der Moderator der Veranstaltung Max mit folgenden Worten vor: „Max Czollek ist ohne Zweifel einer der wichtigsten Autoren jüdischer Gedichte der Gegenwart.“ Und damit sind wir im Zentrum des Problems angelangt.

Der Umgang mit Labels ist so eine Sache. Bei Max eine Sache, die umso sachiger wird, da das Label „jüdisch“ auf eine Ambivalenz verweist. Einerseits nämlich informiert ein bestimmtes intellektuelles, religiöses und soziales Koordinatenfeld Max‘ Schreiben – setzt Themen, öffnet manche Reflexionsräume und schließt andere. Zugleich verweist das Label „jüdisch“ auf einen Interpretationsrahmen, der festgelegt, wie in Deutschland über Texte von Juden geschrieben und gesprochen wird. Shoah, Antisemitismus und Israel. Aber:

Es gibt keine jüdischen Gedichte, es gibt Gedichte. Auch von Juden geschrieben.

Und während der Lektor bei der Veranstaltung im Publikum sitzt und sich über die Anmoderation ärgert, schaut er auf Max, den Dichter und Freund, und darf das Wachsen eines Lächelns beobachten, das er von so manchen Lektoratsgesprächen her kennt. Das Lächeln wird zum Grinsen, und während der Moderator ansetzt, um über „jüdische Themen“ zu sinieren, zum kaum unterdrückbaren Lachen.

Ohne Kommentar liest er seinen Zyklus A.H.A.S.V.E.R, ein Zyklus, der auf die Legendenfigur Ahasver verweist, den Ewig Wandernden Juden, der in Max‘ Gedichten mehrere Transformationen durchläuft, von Josef von Arimathea über Joseph Stalin zu Joseph Goebbels. In vielerlei Hinsicht ist der A.H.A.S.V.E.R ein Text, der für Max‘ Programm (jüdischer) Selbstermächtigung beispielhaft ist: In ihm dreht er der Zuschreibungsschraube ein neues Gewinde. Und in dieses Gewinde werden alle Zuschreibungen durch Neu-Zuschreibungen, Überspitzungen, Ansprachen und Beschwörungen ad absurdum geführt. Sie folgen einem Programm, das er in seinen bisher im Verlagshaus erschienenen Büchern – »Druckkammern« (2012) und »Jubeljahre« (2015) – und entwickelt hat, und das im jetzigen Stand immer stärker die Seiten eines Buches oder das Display der E-Reader verlässt: Max‘ Gedichte sind Ursprung und nun wechselwirkend Teil eines künstlerischen Programms der Desintegration, das sich, anstatt sie anzunehmen, mit ihnen zu leben oder sie ignoriert, Zuschreibungen konfrontiert, sie zu bekämpfen sucht, sie aufdeckt.

Gedichte sind Gedichte. Auch von Juden geschrieben. Sie sind bei Max politische Gedichte. Jedes. Ob sie es sind wie der A.H.A.S.V.E.R oder wie im zum poetischen Gassenhauer gewordenen Nie in Tel Aviv, im zärtlichen Gesang beim Nachdenken über Schultheiß oder beim paranoiden Stottern der Ausschreibung zum Familienfest. In jedem Gedicht ein Abgrund, eine List, ein Verweis in die Weite, über sich selbst hinaus, häufig erfüllt von einem kaum unterdrückbaren Lachen.

Jo 

In den kommenden zwei Wochen wird Max Czollek die BlackBox des Verlagshaus übernehmen und aus dem Iran berichten, in Texten und Bildern.

Max ist im Iran im Rahmen des Programms Versschmuggel des Haus für Poesie.

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Published on: 27. April 2017
Erstellt von Verlagshaus
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