Das Reale (für und mit und nach Godard) V

DAS REALE DES MODELLS

Mann:
Realität ist Bewegung.

 

Frau:
Aber Sie sagten, ich habe auf der Brücke gestanden.

 

Mann:
Sehen Sie, wenn Sie auf einem Bahnhof stehen, sich gerade von jemanden verabschiedet haben, teilt sich die Realität, teilt sich der andere, der im Zug sitzt, irgendeinem Ziel entgegenrollt. Er bleibt bei Ihnen als Bild des Abfahrenden zurück, obwohl er vielleicht gerade einen Kaffee trinkt, vielleicht gerade eine Zeitung aufschlägt, oder den Zug schon wieder verlassen hat. Sie können es nicht wissen. Sie aber sind für ihn die Winkende geblieben und haben sich im Augenblick, da er sich an Sie als Winkende erinnert, eben die gleiche Zeitung gekauft, die er im Zug aufschlägt.

 

Frau:
Dann müsste es so viele Realitäten geben, wie es Menschen gibt, und nur manchmal, wenn zwei Menschen sich begegnen, verschmelzen die Realitäten, aber auch nur für einen Moment. Wie der Stahl eines Schienenkreuzes.
Kann man das dann Nähe nennen?

 

Mann:
Ich würde es Zusammenstoß nennen. Es ist wie bei einem Gewitter: Stellen Sie sich die Realität als Gewitterwolken vor, und die Zusammenstöße als Entladungen elektrischer Spannung. Als ich an Ihnen vorbeifuhr, ist genau so etwas passiert.

 

Frau:
Aber warum habe ich nichts davon bemerkt?

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Published on: 13. März 2017
Erstellt von Verlagshaus
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