#03: Feministische Pornos – Geschlecht und Gedicht

 

Ann Cotten – 


Vor der Welt, vor dem Tag, vor dem Anblick der Sonne

vor der Ethik, vor der Einführung des Schwanzes,

vor meinem Freund in seinem Angesicht

vor dem Abschicken der Email, vorm Posten des Postings,

vor dem Aufmachen der Tür, die Hand auf dem Griff,

vor dem Antlitz des Fremden, die Hand um die Taille.

Sein Glied schwillt an, seine Lippen teilen sich.

Vor dem Sprechen ein Lächeln, eine Bewegung,

vor dem Sex zwei Wochen, es geht um Quantität.

Man muss warten, bis die Bakterien sich beruhigen.

Warten, bis das Gerede abflaut,

dann leben.

 

Merke dir:

Sei immer davor und dann spring.

Doch der Frühling ist das Besinnen

davor, und vergiss die Balladen.

 

Ich weiß, dass ich alles nehme und drehe

zu einer Interpretation, die mir helfen soll zu leben,

schau her, es geht so: es geht so weiter:

Die Bakterien sind das Resultat einer

ratlosen rastlosen Geste.

Sie grinsen in Kränzen davon, von dem einzigen Mal

ausgehend, wie Urteile, schadenfroh

blühen sie, Blüten der jüngsten Vergangenheit.

Und ich stille sie mit Cremen

wie Schnee und Frost das Leben einwiegt.

Es ist nichts.

Inzwischen warten wir

in Entfernung, Blick in Blick

außen viel Kälte

ausreichend um

die Zeit zu nehmen

die Zeit die wie der Frost und das Weiß

schärft die Extase zum Geschick

 




Martin Piekar – Authority

 

Ich bringe die Sache ins Sollen

Ohne Autoritätsgeschlecht

Autorität wird selbstverabreicht

Selbstregulierend – weitergegeben

Ganz automatisch vermischt sie sich

Mit Euphorie und birgt

Gefahr, davor zu erblinden, dass

Man vergibt

Sie ergibt sich nicht – sie wird ergeben

Ganz automatisch

Autorität ist immer ein Bitten zu dürfen

Das Verlangen ist ein

Bedürfnis nach Erlaubnis

Man gibt jemandem etwas zu dürfen

Die führende Hand wurde

In Führung gebracht

Was eine Person fühlt

Führt zur anderen Person

Ist auf sie zurückzuführen

Autorität gibt es nur beim Sex

Ohne Angst

Doch selbst wenn sich jemand fürchten will

Ist Phantasie der Ursprung

Nicht der Zwang an sich

Es ist kompliziert

Weil wir ein Netzwerk sind

Das seine Anschlüsse nicht kennt.


 

Mit Ann Cotten sprach ich darüber, dass Modalverben (hierbei die deutschen) Würze bringen. Ist es ein Können, ein Dürfen, ein Sollen? Geschlechtsverkehr beruht auf Modalverben. Sollte er zumindest. Und Geschlechterverhältnisse – auf welche Art Verb beruhen sie?

 

Die Pornographie als Kunstform ist in der Lage, dies aufzuzeigen und/oder zu hinterfragen. Aber Pornographie, wie jedes Kunstmedium, hat einen Mainstream und dieser ist meist unkritisch. Ich kann vom Mainstream-Porno keine Gender-Reflexion erwarten, sie kann aber vorkommen.

Jeder wird mir jetzt fragend vorwerfen: Was soll das sein – Mainstream?  Nein, dies ist nicht postmodern überwunden. Es ist ultramodern.




Martin Piekar – Dildoman

 

Wir wollen kein Superheld sein, Männer

Weil wir uns vor Dildoman fürchten

Die Angst eine Superkraft zu sein

Nur der Penis

Ich hadre, nicht mehr sein zu können

Möchte mich nicht hinter Ihm verstecken

Können Männer auch am Penis enden?

Zweckmännisch

Wäre ich dann was? Wäre ich dir was?

Willst du mich reinpraktisch

Oder umständlichecht?

Bin ich dir nur ein Umstand?

Können Männer auch am Penis verenden?

Und die Moral von dem Geschlecht? Du

Wie du mich gegenbeweist

Wenn du an meinem Schwanz abfährst

Immer wieder meinen Oberschenkel

Auf und ab handstreichst

Und du stöhnst mich voll

Das A und O ist

Einstückweiter dein Leitfaden zu dir

Du hast ein Tiefseeleuchten

Was mir zeigt, wie weit ich noch

In mir vordringen muss.


 

Was ist unser Geschlecht – und was überhaupt macht es aus? Genderdebatte: Ich bin nicht müde, ich wache gerade erst auf: Bio-Sexus, Gender, etc. Wir definieren uns darüber und werden darüber definiert. Wir können uns über Geschlechterkonzepte hinwegsetzen und selbst ermächtigen, aber auch kategorisiert und unterdrückt werden. Wie lösen wir die Matrix der kulturellen Prägung?

 

Tim Holland schreibt an einem SciFi-Gedichtzyklus mit postevolutionären Wesen namens FUTUR DREI. Wie ist es eigentlich, wenn die Evolution sich weitertreibt und sich über sich selbst hinwegentwickelt. Können wir postgenital werden und geht das nur (zukunfts-)evolutionär? Es gibt in Tim Hollands Gedichten neue Geschlechter/ keine Geschlechter, neuen Sex, Glücksanzüge …


 

Tim Holland – wir haben geschlechter.

 

wir experimentieren, es ist wie immer:

geht es nicht auf, kippeln wir weiter, spiralen wir auf.

 

sand. strand. dornenbusch. entdeckt!

hier steckt ein bis an die zähne bewaffnetes geschlecht.

perlentausch. entdeckte geschlechter werden kolonialisiert. vielleicht

verhält es sich aber auch nur wie bei einem weiteren wlan-netz,

dem wir einen namen geben.

 

die kompatibilität ist hoch. unsere geschlechter sind frei kombinerbar.
nimm den adapter, wir sind stecksysteme, plugbar. körper

voller löcher in dessen innern das herz als kleiner planet rotiert.

 

plötzlich: schleudern. begehren. olle koinzidenz.

der zündholzkopf, bereits berieben, flammt auf.

entzündlichtkeit ist auch ein guter grund.

dann: oktopussistische anwandlung.

 

haben lang genug beobachtet, wesen und ihre möglichkeiten.

schließlich schlafen wir oder hatten andere schmerzen, zumindest die augen zu.


 

Wieso ich den Begriff Gender nicht fürchte? Na, weil er dazu da ist, sich von ihm frei zu machen; nur nicht so einfach, wie man denkt. Wovon reden wir eigentlich, wenn wir von Geschlechtern reden? Über Personen? Menschen? Teilweise – und dieses Teilweise stört mich. Eine Person kann so viele Distinktionsmerkmale haben, doch wir ordnen sie auch danach. Wir geben den Eigenschaften mehr Bedeutung als dem Subjekt, dem sie zukommen.

 

Wenn ich von männlich spreche, spreche ich nicht von anderen Männern. Oder doch, aber ich will es nicht. Viele können nicht damit leben, das ihr Begriff von Weiblichkeit nicht mit dem einer anderen Person übereinstimmt. Man wird selbst nicht bestätigt und das verunsichert. Das hat mich ebenso lange verunsichert: Was heißt männlich sein?

Wenn wir den Geschlechterbegriff generalisieren, idealisieren wir ihn. Das halte ich für einen Fehler. Wenn ich sagen würde: Ich liebe Frauen, oder ich liebe Männer, was würde ich eigentlich sagen? Sage ich nicht viel mehr darüber aus, wen oder was ich nicht liebe?

Wenn ich Gender sage, hoffe ich, dass irgendwann keine biologistisch-rationalistisch kulturell verklärten Anthropologisierungen mehr herrschen. Geschlechter sind Machtverhältnisse. Und Sex kann ebenso ein Machtverhältnis sein. Man kann sich mit Genuss und Wollen darauf einlassen. Oder man kann sich machtlos darin vorfinden. Machtpositionen können und müssen erfahren werden, aber wie kann das verharmlost geschehen? Reicht da pure Reflexion aus?

Ob Sexus oder Gender. Wir müssen der Macht entgegenstehen. Wir müssen uns heute unser Geschlecht erobern, es ist nicht frei; wir müssen uns frei machen.


 

Martin Piekar – For the Liberation of Men

 

Als müssten wir uns crossdressen

Um einander zu verstehen

Man braucht niemanden

Für Toleranz – Sexus Futurus

Bei Geschlechtern

Ist es wie mit der Zukunft

Durch Ungewisses

Schleicht sich Angst ein

Der Schwanz ist kein Prospekt

Und die Fotze niemals Katalog

Sonst enden wir noch

Bei windschiefen Genitalien

Geschlechter sollen uns verbinden

– nicht trennen

Sie sind nie konkret

Gewürfelt: Zufall oder Wahrscheinlichkeit

Wir brechen gegen

Wir preschen gegen Versteinerungen

Wir brauchen kein Achat

Weder Patri noch Matri

Matrix ist keine Lösung

Ich habe keine, nur eine Losung

Ohne Lossage

An Geschlechter, an sich selbst

Niemand braucht das Gegenteil

Um sich zu identifizieren

Niemals Nemesis.

 


Ann Cotten, geboren 1982 in Ames, Iowa, lebt in Wien und Berlin. Studium der Germanistik in Wien, mehrere literarische Publikationen, zuletzt: "Verbannt" (edition suhrkamp, 2016), "Lather In Heaven" (englisch, Broken Dimanche Press, 2016), "Jikiketsugaki. Tsurezuregusa" (Verlag Peter Engstler, 2017).
 
Tim Holland studierte nach einer Ausbildung zum Buchhändler am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Sein erstes Buch „vom wuchern“ (2016) erschien im Gutleut Verlag. Er lebt in Berlin.

 

 

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Published on: 27. Mai 2017
Erstellt von Verlagshaus
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