#02 Sexualität und Schreiben – Feministische Pornos

Pornography is very much like adolescent poetry: there’s a great deal of it about because it is a very easy thing to do, and much of it is absolutely fucking dreadful because it is very hard to do well. (Alan Moore)

 

2013 habe ich mich intensiv mit Pornographie, Ästhetik, Kunsttheorie und feministischen Pornos auseinandergesetzt. Dabei lernte ich die feministisch-pornographische Kurzfilmsammlung „Dirty Diaries“ der Regisseurin Mia Engberg kennen. Schnell wurde mir klar, dass ich Gedichte zu diesen feministischen Pornos schreiben wollte. Ich wusste, dass ich keine Verbalisierung der Bildebene und keine einfache Rezeption schreiben wollen würde. Und so wurde es auch nicht. Ich habe mich durch die Betrachtung der feministischen Pornos intensiv mit den Themen der Sexualität, der Geschlechter, des Begehrens und der sexuellen Praktiken auseinandergesetzt.

Ich bin bei Weitem nicht der einzige, kein Pionier und habe keinerlei Recht auf eine Sonderstellung. Ich finde nur, dass die Themen Sex und Lyrik – trotz großer Partnerschaft – immer noch nur ein schwieriges Standbein in manchen Köpfen haben. Ich habe einige Gedichte von Dichter*innen zusammengetragen, die wundervolle Beispiele für jene Themen bieten. Pornos und Poesie gibt es – und es darf sie auch zusammengeben:

Ich reflektierte mein eigenes Sexualleben und fragte mich natürlich: Bestimmt die Sexualität mich oder ich meine Sexualität. Diese Fragen lassen sich vermeintlich schnell beantworten, in Gesprächen mit verschiedenen Leuten erfuhr ich aber, dass es dabei verschiedene Sichtweisen gibt. Ich behaupte die Person bestimmt ihre Sexualität in dem gleichen Maße wie die Sexualität die Person bestimmt.

Wer sagt eigentlich, dass man immer man selbst sein muss? Gerade im Reich des Begehrens finden wir uns selbst zuweilen völlig fremd. Begehren, Sex, Sexualität sind Lebensbereiche in denen wir uns immer wieder neu kennenlernen. Wie schwer ist es dann, jemanden anderen auf diesem Bereich kennen zu lernen? Sex und Schreiben verbindet eine große Selbsterforschung, die niemals aufhört und niemals nur bei diesem ominösen Selbst  bleibt; beides sind keine Monaden. Trotzdem bin ich mir beim Ficken schon nähergekommen als der anderen Person.



Gerda Jäger – no satisfaction

 

ständig darauf bedacht
die kontrolle nicht zu verlieren
aber

hinter dem venushügel
auf der lauer liegen…


Welchen Regeln unterwerfen wir unser Sexualleben? Sex ist Kommunikation, die wilder und gleichzeitig intimer nicht sein könnte. Nine Inch Nails singen: „I wanna fuck you like an animal“. Der Ausdruck einer gemeinsamen, ungehemmten Wildheit. Die Tierheit nicht als Abwertung. Sex als Form des Ausdrucks. Und doch kann diese intime Kommunikation im Porno öffentlich gemacht werden. Das ist widersprüchlich und gerade deswegen lebenspraktisch. Wir alle benehmen uns beim Sex anders. Ob man es nun als Trieberfüllung betrachten möchte, als Auflösung des Triebstaus, als Sex-System im Gesellschaftssystem. Wir haben Codes. Wollen wir uns vorstellen, wer welche Codes hat?



Martin Piekar – Skin

 

Ich will dich in mir spürn

Dich so sehr wollen

Dass Haut behindert

Ich will deine Gedanken über mich

In mir; aber ich kann mich nicht

Selbst eröffnen

Wohl nur im Gegenzug

Dir meine Denke bieten

 

Wir wissen doch beide

Wie geil es sich anfühlt

Wenn wir weiter Nerven

Im anderen verlegen

Jede Berührung geschliffen

Mit der wir konsequent spielen

Und nichts

Ist gespielt

 

: ich will dich

Unter der Haut

Und denke mich dir

Und denke dich mir

Wie zärtliche Schnitte

Ich habe dich nie gefickt. Ich habe

Immer mit dir gefickt

Und mir war nie

Mein Glück selbstbewusster.

 


In diesem Gedicht schreibe ich: „Ich will dich in mir spüren“. Ich habe mich gefragt, ob ich es dadurch in ein weibliches Gedicht verwandele? Oder in ein homosexuelles? Gibt es das überhaupt? Haben Gedichte Geschlechter (Swantje Lichtenstein bietet einen Essay dazu) oder Sexualität(en)? Wie sinnlos solche Fragen einer/m erscheinen wollen, sie wurden in literarischen Debatten gestellt.

Mir scheint, meistens versuchen wir unsere Geschlechtserfahrungen und Sexualität(en) in Gedichte zu verpacken, dabei wirkt nichts verführerischer als „[d]ie Reizwäsche der Abstraktion" (Monika Rinck).

Es ist schwer, über den eigenen Sex zu schreiben. Man muss sich gleichzeitig öffnen und ebenso verschleiern. Viele sprechen dann von Erotik, wobei ich nicht weiß, ob sie so einfach von der Pornographie zu trennen ist? Häufig stellt man die Erotik als andeutend-unenthüllend dar. Die Pornographie soll die nichts-andeutende, also die völlige Enthüllung darstellen: Aber kann nicht durch völlige Enthüllung eine weitere Ebene eröffnet werden? Ist die Blanke Nacktheit nicht mehr als sie selbst? Ist Erotik wirklich nur feinsinniger? Feinsinniges kann auch stören.

 



Julia Grinberg – gebrandmarkt

der anfang sollte das ende sein
gottes wege sind scheißunergründlich

 

tief gebrandmarkt von dir
betrachte ich die unbekannten
um mich herum über mir
fickend mit wilden grimassen

 

während sie sich abwechseln
beweine ich deinen saft
zwischen meinen verwaisten beinen

 


In einer Diskussion mit Hendrik Jackson waren wir uns einig: Das Schwierige am Schreiben über Sex ist, dass man dem Leser niemals die Intensität des eigenen Gefühls vermitteln kann. Man kann es phänomenologisch beschreiben, metaphorisch andeuten, metonymisch machen, abstrakt gestalten etc. Aber nie wird der Leser meine Gefühlslage einnehmen können. Aber ist es nicht der asymptotische Versuch, der gerade das so wichtigmacht?

Wir können die Intensität des Gefühls nicht einfangen, doch das nimmt uns allen weder den Spaß am Sex noch am Schreiben. Dass man an beidem Verzweifeln kann, zeigt, welche Wichtigkeit es im Leben eines Menschen einnehmen kann – und nie muss – diese Modalverben werden noch wichtig. Laut Foucault steht auch der Sex auf der Seite der Zukunft.

 



Charlotte Werndt –

 

Ein rohes Ei

An nackt gespreizten Fingern

Getrennt erst in Tropfen

Dann ganz Fließen

Ich will Aggregat

Ohne Metapher

Warte ich auf

Wunsch nach

Ausdruck : Fick mich!

Schenkellinien tauen

Im Erzittern

Unter dem Fleisch

Der Nässe der Sucht

Nach jedem Molekül

Perlt uns von der Haut

Das vage Chaos

Dieser laute Geruch der Fragen

Auf Antworten stellt

Die ein Geschlecht allein verschweigt

 

 

 


Gerda Jäger wurde 1949 in Düsseldorf geboren. Seit 2011 lebt und arbeitet sie in Frankfurt am Main und schreibt Lyrik und Kurzprosa. Seit 2014 ist sie Vorsitzende der Literaturgesellschaft Hessen. Die letzten Beiträge erschienen 2016 in der "Frankfurter Einladung" im Größenwahn-Verlag, Frankfurt und in der Anthologie des Deutsch- Arabischen Lyrik-Salons 2016. 

Julia Grinberg, 1970, Lyrikerin und Übersetzerin, geboren in Russland, aufgewachsen in der ehemaligen DDR und später in der Ukraine. Seit 2000 lebt sie in Deutschland bei Wiesbaden. Sie ist Mitglied der Dichter*innengemeinschaft und Veranstaltungorganisator*innen„Salon Fluchtentier“.

Charlotte Werndt, 1992 in Frankfurt geboren, dort weiterhin lebhaft. Studiert Englisch und Philosophie auf Lehramt. Tätig als Übersetzerin und Photographin: Fotoraupe. https://www.facebook.com/Fotoraupe/?fref=ts

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Published on: 24. Mai 2017
Erstellt von Verlagshaus
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