#01 AmokperVers – Arbeit an sich selbst

3 Momente der Genealogie und Poetologie

Als ich heute mit dem Hund im Wald war, habe ich vergegenwärtigt bekommen, wie ich meine Situation 2013/14 beschreiben kann. Wir waren alleine, abseits, viel Grün, wenig Sicht durch viel Waldgrün. Es erschallten plötzlich drei Alarmsirenen aus drei verschiedenen Richtungen: süd, süd-west und nord-ost. Ich kenne den Wald sehr gut, aber das war alles nicht von Bedeutung. Die Welt veränderte sich. Mir war bewusst, dass sich etwas veränderte, aber was? Genau dies beeinflusste mich; meine Ungewissheit und somit Unsicherheit gegenüber einer Veränderung beeinflussten mich. Ich nenne es das Verhältnis von Weltpolitik und Selbstpolitik.

2013/14 habe ich mit der Arbeit an meinem zweiten Gedichtband (Arbeitstitel AmokperVers) begonnen. Drei grundlegende Momente liegen verschiedensten Gedichten der ersten Stunde zu Grunde: Angst, Depression und Wut. Sie stehen mehr in Koexistenz als in Korrelation.

Wenn ich von Angst rede, fürchte ich nichts. 2013 war es, als wäre die weltpolitische Lage in mein Bett gezogen. Irgendwie plötzlich. Das politische Subjekt ist niemals allein und das kann einem schon Angst machen. Es war nicht mehr los, war mir nur näher. Der Euromajdan löste Bewunderung und Angst aus. Bewunderung für den Protest und die Möglichkeit der Veränderung. Angst vor einem neuen europäischen Krieg, da gibt es bei mir eine familienbedingte Angst vor Kriegen mit Russland.[i] Aber ebenso wuchs in dem Zeitraum 13/14 eine Angst vor Armut an. Die Gefahr wirtschaftlichen Versagens.

Die Angst als Seismograph ist langweilig. Eine Lähmung durch Angst setzte ein, also versuchte ich sie durch die Dichtung aufzusprengen. Der Ton, der sich der Angst stellt, ist mein Fokus gewesen. Ich spreche hier anders als in meinen Gedichten, beides sind aber Sprechakte für mich. Sich der Angst phonetisch stellen, aber auch formal und inhaltlich. Bloß und bleich stand ich da und wusste, ich könnte überwältigt werden. Nie fühle ich mich so stark, wie wenn ich über meine Angst spreche. Vor allem Gedichtzyklen wie GegenWarten, die Wolkenformnationen und Bukowskis Pfand zeugten sich durch und zeugen von der Angst.

Die Depression. Die Absurditäten des Lebens schienen mir immer lebenswert. Wie Camus es empfiehlt, nehme ich diese gerne an, stelle sie dar/aus und gehe mit ihnen um. Aber – um absurd und wirtschaftlich zu sprechen – dieses Schema des Lebens schien mir nicht mehr lohnenswert. Ich verwechselte Lebenssinn und Lebenswert und geriet dadurch in eine Schleife. Ich verzweifelte an mir. In einigen Momenten habe ich schlicht versucht, mich über mich hinweg zu schreiben.[ii] Ich weiß das heute. Die Depression wurde mir schlagartig bewusst, als ich nicht mehr unter ihr litt.[iii] Ich erkenne in den Gedichten dieser Periode heute noch diesen Ton wieder, dieser glasklar klirrende Ton. Ein fragiles Sprechen, das nicht weiß, ob es überleben wird – und wie. Vor Krankheiten ist niemand gefeit.[iv] Der Ton gelangt in manchen Wolkengedichten oder auch in kirschblütigen Sehnsuchtsgedichten zu tage. Der Gedichtzyklus, der dies allerdings am deutlichsten illustriert, ist das Tollhaus.

Wut ist eine Emotion, die mich fasziniert und verwundert. Ich rede nicht von Erregung oder Zorn, ich rede von Wut. Wie gestalten wir als Menschen unser Sprechen, wenn wir wütend sind? Dann gibt es ja auch noch Facetten von Wut: mit Eifer, mit Trauer, mit Widerstand etc. Aber vor Wut geblendet zu werden, solch ein Zustand hat eine Fragilität und Brutalität zugleich.[v]

Wenn ich wütend bin – aufgrund einer Werbung, einer Nachricht, eines gesellschaftlichen Mechanismus‘ etc. – dann interessiert mich die Art meines Sprechens.[vi] Die Automatisierung des Tons. Wie spreche (und handle) ich unter Kontrollverlust? Weiterhin beschäftigt mich die Frage: Ist Wut nur reaktionär zu denken? Gibt es keine Aktion der Wut nur die Reaktion mittels Wut?[vii] Ich möchte keinen Wutbürger bedienen, sondern Mich (ersetzbar durch jede*n) mit diesen Emotionen auseinandersetzen.

Daraus destillierte sich bereits früh das Wort Amok; Amok im ursprünglichen Sinne; ein Ausrasten, eine Unvorhergesehenheit. Ich meine kein School-Shooting, keinen Anschlag oder erweiterten Suizid.[viii] Ich spreche davon, wie ich spreche, wenn ich ausraste aus mir selbst. Der Amoklauf gegen Amokläufer. Ich will den Wutbürger nicht bedienen, ich will ihn mit der Wut auseinandersetzen, in dem ich die Wut besetze. Der Extremist gegen Extremisten ist immer noch ein Extremist, schätze ich.

Ich habe also eine Perversion versucht. Die Komposition, die Überarbeit: das Gedicht, und die Überwältigung, das Ausrasten: den Amok zusammenbringen. Der Versuch, aus der herkömmlichen Sprechweise herauszutreten und eine Kommunikation unüberlegter Gewalt zu inszenieren. Es ist also die Arbeit von sich selbst an sich selbst und damit auch immer darüber hinaus und ohne, dass sie als Arbeit wahrgenommen wird.[ix] Thomas Klings Feststellung, wie der Dichter uns inhaliert, bringt mich zu der Frage: Wie exhaliert das Gedicht?[x] Gedichte die diesem Versuch unterlagen, kommen in den Zyklen Ohmmacht, A H A B und komA|amoK zum Sprechen.

Aber ist ein Amok überhaupt zu verstehen? Sprechen und Verstehen sind, so glaube ich, kein Gegensatzpaar. Gibt es dabei nur das Gelingen und Scheitern? Ich vermeine selbst ein Drittes wahrzunehmen, etwas anderes, das kein Verstehen ist, eine Art näherkommen durch Sprache; näher dem Thema, näher sich selbst, näher der Sprache. Vielleicht ist das noch viel tiefer, jedenfalls meine ich das manchmal so wahrzunehmen. Natürlich korrespondieren diese Antriebsmomente untereinander. Aber es gibt keinen Moment, an dem ich sagen würde, sie vermischten sich unkenntlich. Und gewollt habe ich das alles so nicht. Das Gedicht schreibt sich durch mich, meine ich.

Natürlich treiben sich in diesem Gewusel weitere Fragen um. Fragen zum Verlieben, zur Sexualität, zur Medialität, zur Flucht und Migration, zu Nachrichten, zum Saufen, zu Pornos, zu Gedichten an sich. Die Welt konstituiert nicht nur die Sirenen, die Sirenen verändern die Welt.

Ich wusste von Anfang an, dass ich scheitern würde. Es geht mir nicht darum, mein Scheitern auszustellen. Es geht mir darum, das Scheitern zu prozessieren, es geht mir darum, zu scheitern; der Überwindung der Angst wegen. Das Scheitern ist nicht mein Resümee, das Scheitern ist mein Werk.

 

 

[i] Nach dem zweiten Weltkrieg gab es in meiner Familie zwei Stereotypen von Russen: Den sensiblen und kultivierten Intellektuellen und den dumpfen, menschenverachtenden Kriegstreiber. Natürlich sprach meine Mutter sofort von Krieg. Wie sehr ich auch nicht von Stereotypen beeinflusst werden möchte, ich werde es. Vor allem, wenn dauernd motivisch auf mich eingeredet wird.

[ii] Wie eine intuitive Therapie. Schreiben schien mir immer natürlich und es heiterte mich auch auf. Ich glaube schon, dass es ebenfalls Teil der Ursache der Depression war, aber es war auch die beste Kur.

[iii] Traurig und lustig. Ich war blind für die Symptome, die ich aufgrund des Studiums wissenschaftlich studierte und bei Schüler*innen bereits erlebt hatte. Die Blindheit für das Selbst, die Arroganz durch eigenes Wissen gewappnet zu sein.

[iv] Auch eine nihilistisch-existenzialistisch-absurdistische Lebenseinstellung half nicht.

[v] Seit 2013 scheint mir der blendende Aspekt dieser Emotion leider überhand zu nehmen und ich halte dies für ungesund.

[vi] Ich bin sehr wohl ein Stereotyp. Ich bin ein junger, wütender, weißer Mann. Das negiert meine Existenzgültigkeit überhaupt nicht. Selbst wenn es ein Klischee ist, stellt sich doch sofort die Frage: Wie geht man mit dem Klischee oder dem Klischeehaften um?

[vii] Ist nicht jede Handlung eine Reaktion? Ist die Suche nach der Aktion, der einfachen, bloßen Aktion nicht die Suche nach dem unbewegten Beweger Aristoteles‘? Oder sind wir nicht ursächlich im Sinne eines Ursprungs?

[viii] Hierzu mehr in dem Buch: „Helden. Über Massenmord und Suizid“ von Franco „Bifo“ Berardi, Matthes und Seitz, 2016 Berlin.

[ix] Ich rekurriere hier auf Foucault, habe aber vergessen, wo ich es gelesen habe, ich schätze „Sorge um sich“ , kann aber auch aus einem Abschnitt von der „Hermeneutik des Subjekts“ sein.

[x] „Inhalator“ von Thomas Kling: „Auswertung der Flugdaten“, DuMont, 2005, Köln; oder: „schädelmagie. Ausgewählte Gedichte“ (Hg.) Norbert Hummelt, Reclam, 2008, Stuttgart.

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Published on: 22. Mai 2017
Erstellt von Verlagshaus
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